Im Tanzschritt aus der Krise

- Wie die Konflikte Jugendlicher aufgreifen? Wodurch eine Identifikationsfläche bieten und zum Lesen anregen? Das sind Fragen, die Mats Wahl sich stellt, bevor er ein Buch verfasst. "Schwedisch für Idioten" heißt sein neuer Jugendroman und bietet eine gelungene Antwort. Ganz ohne Klischees, doch einfühlsam und mit subtilem Witz arbeitet er mit Liebe, Beziehungen, Ängsten und dem Gewaltpotenzial junger Menschen.

Als "Looserklasse" bezeichnet sich eine Hand voll Jugendlicher. Sie sollen ein Buch schreiben, das sie als "Schwedisch für Idioten" betiteln, beinhalten soll es eine Geschichte von jedem Schüler. So wird Henke zum Autor. Er steht im Mittelpunkt, und um ihn herum summieren sich Probleme: der Unfalltod seiner kleinen Schwester, die antriebslose Mutter, ein plötzlich wiederkehrender Vater und die neue Liebe zur erfolgreichsten Schülerin.

Mit der Frage "Du, willst du Boogie tanzen?" lernt Henke Elin kennen. Die Zwei schwingen daraufhin für eine Woche allabendlich das Tanzbein, um für den Wettkampf am Wochenende gerüstet zu sein: zehn Kilometer Boogie durch die Stadt. Dass man sich beim Tanzen näher kommt, ist wohl bekannt und erst recht, wenn nach dem Üben noch Zeit für Tee und Zwieback mit Marmelade ist. Anstrengend sind da nur aufdringliche Mütter, die immerzu besser wissen, ob man nun in einer Beziehung steckt oder nicht: "Er hat eine Freundin." - "Sie ist nicht meine Freundin." - "Das ist sie wohl." Solche Gespräche findet Henke ungeheuer anstrengend.

Und sowieso wird das Leben nicht einfacher, sondern erst recht kompliziert, wenn einen der seit Kindertagen verschwundene Vater plötzlich treffen will. Darauf folgt eine Nachricht der anderen: Es gibt einen Brandanschlag auf die Schule, für den Henkes Klassenkamerad verantwortlich gemacht wird, und er erfährt, dass er und Elin bei einem von Schülern organisierten Fest "die Hölle erleben" sollen. Die Lage spitzt sich zu, nur gut, dass der Leser Henke bereits als selbstbewussten und intelligenten Jugendlichen kennengelernt hat.

Mats Wahl, der lange Zeit als Lehrer für schwererziehbare Kinder gearbeitet hat, erschafft Persönlichkeiten, die stark sein müssen, um sich ihren Konflikten zu stellen. Er ist treffsicher, weil er keine einfachen Antworten oder Pauschallösungen liefert; er beschränkt sich stets darauf, den Weg seiner Handlungsträger zu schildern. Für die Jugendlichen gehört es zum Alltag, Selbstgebrannten zu verkaufen, die Schule zu schwänzen oder bedroht zu werden. Soziale Spannungen und Gewaltbereitschaft sind nichts Besonderes und bleiben unkommentiert. So wird schnörkellos nüchtern, nie mit erhobenem Zeigefinger, aber immer mit großem Respekt für junge Menschen erzählt, und es berührt einen.

Mats Wahl: "Schwedisch für Idioten". Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Nagel & Kimche, Zürich, 336 Seiten; 16,90 Euro.

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