Tanzstunde in Worms

- Oben, im großen Saal an König Etzels Hof, laden die Burgunder-Herren, laden König Gunther, seine Brüder Giselher und Gerenot, Hagen Tronje und Spielmann Volker den Hausherrn an den Festtisch.

<P class=MsoNormal>Unter ihnen aber dreht Kriemhild großen, schnellen Schritts ihre Kreise, setzt sich, unruhig und hochgespannt ihre Knie und Schenkel knetend, auf einen Stuhl - abwartend, was oben geschieht: die Ermordung ihres und Etzels Sohnes durch Hagen, dann das Feuer, das gelegt wird in dem Saal und alle einschließt, zuletzt das Sterben der Brüder. Totenstille. Nur König Gunther und Hagen stehen noch. Und langsam senkt sich zu einer schrägen Ebene der Plafond, die obere Spielfläche.</P><P class=MsoNormal>Das Kommissgeschirr kommt scheppernd ins Rutschen. Stühle kippen. Die Toten geraten ins Trudeln. Jetzt schreitet Kriemhild die leere Schräge hoch, stellt sich richterlich hinter den Tisch und verhört Hagen über den Hort. Der verweist auf den König als Hemmnis. Mit scharfer Geste lässt sie darob Gunther die Kehle durchschneiden. Nun tritt Hagen zu ihr. Ein letzter Triumph: Er hat sie wieder einmal überlistet.</P><P class=MsoNormal>Ein gelungenes Finale. Ein in seiner Ästhetik und darstellerischen Kraft bestaunenswertes Spiel. Ein faszinierender dritter Teil in der Inszenierung von Friedrich Hebbels "Nibelungen" durch Andreas Kriegenburg an den Münchner Kammerspielen. "Kriemhilds Rache", das Hauptstück des Trauerspiels, lässt denn auch hinwegsehen über diverse Albernheiten, läppische Extemporé´s, platt Hinzuverfasstes und abgegriffene Klischees.</P><P class=MsoNormal>Besonders im ersten Teil, "Der gehörnte Siegfried". Der fängt ja noch ganz gut an. Da stehen Gunther und die anderen Burgunderkerle im mit weißen Tüchern ausgeschlagenen Raum brav aufgereiht und brüllen sich chorisch männlichen Mut zu und noch so manch überholten Quatsch über Stärke und Schwäche und das System, das auf ihren Schultern ruhe - bis zum Umfallen, immer wieder. Dann der Auftritt Siegfrieds. Man fürchtet Schlimmes für die folgenden Stunden. Denn hier kommt der Held nicht allein, er bringt noch 16 andere mit. Alle in blauer Hose, Turnhemd und gelber Perücke. Einer sieht dümmer aus als der andere. Zu allem Übel sprechen sie, natürlich schlecht, auch noch im Chor. Und zwar die ganze lange Erzählung Siegfrieds: seine Geschichte, vom Drachen, dem Nibelungenhort und so weiter. Wer's kennt, den langweilt's in dieser Art der Darbietung. Wer's nicht kennt, versteht's kaum. Die Chance, hier die Figur des Siegfried in irgendeiner Weise zu profilieren, wird nicht wahrgenommen.</P><P class=MsoNormal>Auch im zweiten Teil, "Siegfrieds Tod", geschieht ihm Regie-Unrecht, denn der Mord an ihm wird gagmäßig verkleinert, ist quasi szenisch gestrichen. Was letztlich Kriemhilds Vorwurf der Mittäterschaft und des Wegsehens - den politischsten Moment in Hebbels Stück - gegenstandslos macht.</P><P class=MsoNormal>Verschenkter Mythos </P><P class=MsoNormal>Worauf zielt Kriegenburgs Inszenierung aber ab? Formal darauf, dass er das Mammutdrama tempomäßig in den Griff bekommt. Was ihm im Ganzen gesehen gelingt - in der von ihm selbst großzügig gestalteten Bühne; auch in dem Prinzip, gegen Schluss das Morden und Schlachten im Wesentlichen nur erzählen zu lassen. Der Abend gewinnt zum Ende hin enorm. Und worauf inhaltlich? Nicht auf den Mythos. Den verschenkt er, indem er zum Beispiel Brunhild von Isenland und ihre Amme Frigga geheimnislos auf "Isländisch" kauderwelschen lässt. Auf die Gier nach Gold, die hier letztlich alles antreibt? Die wird von ihm bis zum Finale leichtsinnig vernachlässigt. Auf Schicksal, Treue und das deutsche Wesen gar, die angeblich Ausdruck finden in diesem Drama und die Kriegenburg im Programmheft zu schlicht gedacht beschwört? Auch nicht.</P><P class=MsoNormal>Doch weil er sein eigenes Vorurteil nicht im Stück bestätigt fand, hat er wie üblich ein paar entsprechende, überflüssige Paraphrasen hinzuerfunden. Dafür die Sehnsucht nach freiem Geist und Unabhängigkeit und die problematische Heilssuche im Christentum gestrichen: Die alle überlebende Symbolfigur Dietrich von Bern kommt in dieser Aufführung nicht vor.</P><P class=MsoNormal>Wovon die Inszenierung gut und interessant erzählt, ist die unglückliche Liebesgeschichte von Brunhild, Kriemhild, Siegfried und Gunther; aber auch die Liebesgeschichte der Burgunder-Prinzen zum Demagogen Hagen. Dass Kriegenburg gerade das so glückt, ist hauptsächlich Wiebke Puls und Hans Kremer zu verdanken. Sie - eine hochgewachsene, interessante, strenge und sehr herbe, sich wunderbar bewegende Kriemhild. Zwischen bodenloser Trauer, archaischer Vitalität und auch mal fein distanzierendem Witz, wenn sie angesichts von Etzels Hof für zwei kurze Momente ins ungarische Operetten-Deutsch verfällt. Er, Kremer - ein ganz aufs Wort konzentrierter Hagen, mächtig und gefährlich in seiner Vernunft und Konsequenz, zärtlich sogar der mordenden Nichte Kriemhild gegenüber.</P><P class=MsoNormal>Dagegen verblassen die anderen. Julia Jentsch zeigt als von der Regie arg malträtierte, mit Klebeband verschnürte und ins Kinderblümchenkleid gesteckte Brunhild nur Stärke, wenn sie bei der Tanzstunde in Worms Gunther gekonnt auf die Matte haut. Bernd Grawert reduziert diesen König auf den virilen Dummkopf. Und Oliver Mallison erhält kaum die Möglichkeit zu zeigen, dass er dem Siegfried durchaus einen Charakter geben könnte.</P><P class=MsoNormal>"Wie denkst Du's denn zu machen", fragt Hagen, der Stratege, einmal. Eine Frage, auf die Andreas Kriegenburg nicht recht eine Antwort weiß. Aber die Suche danach ist nicht so unspannend wie anfangs befürchtet. Und ganz gewiss nicht langweilig, wenn man sie sich auch differenzierter erwartet hätte. Der Abend endete nach knapp sechs Stunden kurz vor Mitternacht. Großer Beifall.</P><P class=MsoNormal>Die Handlung</P><P class=MsoNormal>Der als beinahe unverwundbar und unbesiegbar berühmte Siegfried kommt an den Hof der Burgunder. Er wünscht sich Kriemhild zur Frau. König Gunther gibt ihm die Schwester aber nur, wenn Siegfried ihm mit Hilfe seiner Tarnkappe Brunhild, Islands starke, männermordende Königin, bezwingt. Was auch geschieht. Doppelhochzeit in Worms, bei der Siegfried seiner Kriemhild den Nibelungenhort schenkt. Leider nur muss er zweimal ran in dieser Nacht: zunächst, wiederum mit Tarnkappe, an Gunthers Stelle bei Brunhild, dann erst bei der eigenen Frau.</P><P class=MsoNormal>Doch Kriemhild kommt hinter dieses Doppelspiel und kränkt öffentlich die vermeintliche Rivalin. Die betrogene Isenkönigin, der der Drachentöter Siegfried einst vorbestimmt war, fordert Rache: den Tod des Helden. Hagen Tronje, dem Onkel der Burgunderkinder, kommt das gerade recht: Er tötet hinterrücks den Mitwisser des burgundischen Betrugs, eignet sich den Nibelungenhort an _ und das Schicksal nimmt seinen Lauf, das sich in einem grausamen Spektakel erst Jahre später am Hof des Hunnenkönigs Etzel und seiner inzwischen zur rächenden Königin avancierten Kriemhild vollendet.</P><P class=MsoNormal>Die Besetzung</P><P class=MsoNormal>Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg. Kostüme: Marion Münch. Musik: Laurent Simonetti. Darsteller: Mila Dargies (Gudrun), René´ Dumont (Gerenot), Bernd Grawert (Gunther), Paul Herwig (Volker), Walter Hess (Rüdeger), Julia Jentsch (Brunhild), Hans Kremer (Hagen Tronje), Christoph Luser (Giselher), Oliver Mallison (Siegfried), Stefan Merki (Etzel), Annette Paulmann (Frigga), Wiebke Puls (Kriemhild), Hildegard Schmahl (Ute), Sebastian Weber (Werbel).</P>

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