Tapferkeit und Pflichtbewusstsein

- Sicher könnte man aus dem, was dieser Familie zugestoßen ist, einen Roman machen. Es wurde aber weit eher eine genaue, auch intime Familien-Historie in teilweise ausschmückender Romanhaftigkeit (die sich für den Außenstehenden kaum erkennen lässt). Ganz abgesehen davon, dass Form und Inhalt nicht die Kriterien erfüllen, die gemeinhin an das Genre gestellt werden. Gila Lustiger schrieb eine Familienchronik mit den Schwerpunkten Frankfurt am Main, wo sie 1963 geboren wurde und aufwuchs, Israel - ihre zweite Heimat, wo sie studierte - und Paris, wo sie lebt.

<P>An den Höhepunkten erreicht ihre Sprache literarische Intensität, in manchen Vorlieben wirkt sie leicht maniriert; beispielsweise, wenn sie rüde oder despektierlich formuliert. Als ob sie sich gegen allzu viel Gefühl wappnen müsste. Protagonist im Reigen der Verwandtschaft ist der Vater, zunächst in der gehoben bürgerlichen Frankfurter Wohnung, liebevoll spöttisch geschildert als Dauerleser von Zeitungen (in acht Sprachen).</P><P>Via Fernsehen hatten wir kürzlich Gelegenheit, ihm zu begegnen: Arno Lustiger, Redner beim offiziellen Auschwitz-Gedenken.</P><P>Dort lag die harte Wirklichkeit vor der Frankfurter Familien-Idylle: Vaters KZ-Haft, von der er nie etwas preisgab, weil er die Kinder "vor der Grausamkeit und dem deutschen Wahnsinn" schützen wollte. Eine Fotografie, die ihn mit einem amerikanischen Soldaten nach seiner Befreiung zeigt, durchzieht das Buch als ein Erzählmotiv.</P><P>Die Mutter erscheint als eine Art Gegenpol: als israelische Offizierin, die zu einem kontinental erzogenen Kosmopoliten eigentlich nicht gepasst hat. Dass der Vater übrigens als "ein Überlebender" herumgereicht wurde (und sie selbst als dessen Tochter) mag sie verständlicherweise nicht akzeptieren.</P><P>Gegen den Elfenbeinturm</P><P>Ihre Großeltern mütterlicherseits waren 1924, im Geburtsjahr ihres Vaters, aus Polen in Palästina eingewandert, aus einfacher Herkunft, vom Zionismus überzeugt; Großvater stellte sich einen säkularen "Staat ohne Frömmigkeit" vor. In den zitierten Aussprüchen der Großeltern kommt immer wieder - als willkommene Abwechslung - das Jiddische vor. Gila war bei ihren Besuchen in Israel nicht frei von Angst, sie bewundert Tapferkeit und Pflichtbewusstsein bei der Mutter und den Großeltern; nicht ohne ein schlechtes Gewissen aus der europäischen Geborgenheit heraus.</P><P>Interessant sind Gedanken und Folgerungen aus ihrer Israel-Zeit. Zum Unverständnis der Araber gegenüber der von den Juden übertragenen mitteleuropäischen Kultur etwa. Oder, aus anderer Sicht: "Kann man denn ein anderes Volk 50 Jahre lang nicht sehen? Ja, man kann es, wenn man statt in der Realität im Glauben verankert ist." Und zur Kibbuz-Bewegung, an der ihr Großvater von Anfang an teilgenommen hat: "Was ist jüdische Revolution? Aus einem im Denken verwurzelten Juden einen Bauern machen." Aufschlussreich ist auch die Erzählung der Mutter über die - entgegen ihrer Bedeutung - überaus schlichte Staatsgründung unter Ben Gurion. Gila lebte damals in Deutschland.</P><P>Erst in den letzten der acht Kapitel tritt eine nicht der Familie angehörende Figur ins Blickfeld: die ältere, katholische, lesbische Dominique. Sie wurde die Partnerin in teils dahinplätschernden, teils philosophisch oder kulturkritisch akzentuierten Dialogen. Gegen den literarischen Elfenbeinturm, in dem es der Autorin zu kalt sei; gegen die amerikanische Anmaßung, die die Französin gegen die europäische Kultur verteidigt.</P><P>Insgesamt viel Stoff zum Nachdenken, dem zuliebe man so manche platte, auch manchmal erzwungen wirkende, zotige Diktion in Kauf nimmt.</P><P>Gila Lustiger: "So sind wir". <BR>Ein Familienroman.<BR> Berlin Verlag, 260 Seiten.<BR><BR>Die angekündigte Lesung der Autorin am 10. Mai im Kokon entfällt. Dafür ist Gila Lustiger am 8. Mai in der ARD bei Sabine Christiansen zu sehen.</P>

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