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Geben sich als Ehepaar aus: Jan Josef Liefers (li.) und Axel Prahl als Karl-Friedrich Boerne und Frank Thiel.

Wunderbare Dialoge

Münsteraner Tatort: Die totale Männer-Freundschaft

München - Die Beziehung zwischen Ermittler Thiel und Gerichtsmediziner Boerne prägt ja meistens den Münsteraner Tatort. Doch in "Erkläre Chimäre" wird die Freundschaft auf die Spitze getrieben.

Manchmal hat für Momente auch in Münster der Spaß ein Loch. Dann rettet Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) heroisch mit einem Luftröhrenschnitt vor dem Ersticken – und das sogar mit Alkohol im Blut. So etwas schweißt zusammen, den permanenten gegenseitigen Tratzereien zum Trotz. Die Freundschaft zwischen Thiel und Boerne wird in „Erkläre Chimäre“, dem jüngsten ARD-„Tatort“-Fall dieses Ermittlerpaares, sowieso sozusagen auf die Spitze getrieben – die fingierte schwule Ehe, um den schwulen Erbonkel zu beeindrucken, hat gerade noch gefehlt im turbulenten Zusammenleben und -wirken der so krass unterschiedlichen Charaktere.

Dass hier nicht exzessiv mit Klischees gespielt wird, Liefers und Prahl also nicht auf Teufel komm raus die Tucken geben müssen, ist die größte Leistung der Autoren Stefan Cantz und Jan Hinter und des Regisseurs Kaspar Heidelbach. Ihr Humor ist zum Glück subtiler, er teilt sich in den wunderbaren Dialogen mit, die um die Lebensrettung kreisen („Vielleicht kann ich mich mal revanchieren.“ – „Da sei Gott vor!“) und nicht um das vorgebliche Coming Out.

Der Schnitt in den Hals ist auch die Brücke zum Fall, und hier geht es weitaus konventioneller zu als bei den Scharmützeln zwischen Professor und Ermittler. Der tote Liebhaber des reichen Onkels, absurd teurer Champagner, das Weinhändlerehepaar und sein drogensüchtiger Sohn – das Gefühl, dass das alles nicht einmal halb so schräg ist wie der Rest, wird durch Schauspieler wie Christian Kohlund („Traumhotel“) und Sunnyi Melles noch verstärkt.

Alles recht trivial, aber die Fans lieben die Münsteraner ja nicht wegen der kaum aushaltbaren Spannung oder der kompromisslosen Gesellschaftskritik. Immerhin kann Boerne mit Witz und Verve am Ende über das titelgebende medizinische Phänomen dozieren. Und dann sind da ja auch noch die anderen aus der Stammmannschaft – Friederike Kempter, Christine Urspruch, Mechthild Grossmann und Claus Dieter Clausnitzer, von Buch und Regie wie so oft mit schönen Szenen bedacht.

Rudolf Ogiermann

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