Tausend pfiffige Ideen

- Wie am Schnürl reihen sich die Arien aneinander. 63 an der Zahl sollen es sein. Von Liebeslust und -frust und allerhand ungebändigten Affekten (Libretto: Luigi Orlandi) erzählen sie, und man wundert sich, dass dem geistlichen Herrn Agostino Steffani all diese Sommernachtsträume nicht fremd waren, die er da in Töne gesetzt hat. "Alarico, il Baltha, cioè` L'Audace , Re de' Gothi" - so heißt eine der zahlreichen Opern Steffanis, die der Musiker, spätere Politiker und Bischof während seiner Zeit als Vizekapellmeister des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern, also vor gut 300 Jahren, in München niederschrieb.

<P>Das Dramma per musica wurde im Prinzregententheater zum Triumph für die Bayerische Theaterakademie und die Münchner Musikhochschule. Mit "Alarico"-Lebkuchenherzen und Maskenschau, mit Musik und Spiel in den Foyers bereiteten die Studenten ihren Gästen einen Rundum-Theaterspaß. Christoph Hammer, nimmermüder "Gräber" in der Münchner Musikgeschichte, und seine Neue Hofkapelle München legten die Zündschnüre aus, mit denen Regisseurin Florentine Klepper und Ausstatterin Chalune Seiberth - unterstützt vom Studiengang Maskenbild - ein barockes Feuerwerk entfachten, in dem Fantasie und Ironie, Witz und Geschmack nur so funkelten. Vor einem Karussell, auf dem die Drehbühne immer neue bunt gemalte oder ausgesägte Szenerien preisgibt, bezieht der Diener Lidoro in einem Kassenhäuschen Quartier und wird zum Spielmacher für Gotenkönig und Römer-Kaiser samt wechselnder Liebsten.</P><P>Mit barocker Üppigkeit, tausend pfiffigen Ideen und entzückenden Details reagieren Regisseurin und Ausstatterin auf das musikalische Schwungrad, das Hammer und seine Musici energisch und pointiert antreiben. Dezente Übertitel verraten, was in den forschen Triumphgesängen, den bassgrundierten Klagen, den flötengesäumten Liebesschwüren Sache ist. Zudem verliert die Regisseurin nie den roten Faden und entwirrt dem staunenden Zuschauer das Liebes-Kuddelmuddel bis zum Lieto Fine - zu dem Steffani und Orlandi rasch noch den moralischen Zeigefinger heben - so locker, dass sich der Blick in die Inhaltsangabe des informativen Programmhefts erübrigt.</P><P>Die jungen Sänger (Studenten oder Absolventen der Musikhochschule) agieren hinreißend. Jeder Typ ein Treffer: der schüchterne römische Kaiser Honorio, von Wiebke Damboldt mit instrumentalem Mezzo ausgestattet; der eitle Sieger Stilicone, dem Christian Sturm tenorales Profil gibt; der marionettenhafte Pisone des baritonal soliden Tobias Haaks; der Strippenzieher Lidoro, dem Alexander Morozow Bass-Gewicht verleiht; die in unterschiedlichen Sopranschattierungen wohltönenden Damen Semiamira, Placidia, Sabina alias Stefanie Iranyi, Ai Ichihara und Chie Honda. An die Spitze dieses homogenen Ensembles katapultiert sich mit Selbstverständlichkeit und leuchtendem Sopran, cooler Elvis-Tolle und kesser Draufgänger-Attitüde Julia Rutigliano als Alarico - Münchens neuer, alter Opernheld. </P><P>Vorstellungen: 25. und 26. 2.2005<BR></P>

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