Ingolstadt entlässt Walpurgis - Interims-Nachfolger steht fest

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Ihr kann die Schneekönigin nichts anhaben: Gerda (Marie Seiser) macht sich auf einen abenteuerlichen Weg, um ihren Bruder zurückzuholen.

Tauwetter im Eis-Reich

München - Zwischen Verzauberung und Klamauk: „Die Schneekönigin“ als Weihnachtsmärchen am Münchner Residenztheater. Lesen Sie hier die Premierenkritik!

Auweia, hoffentlich kann die Vorstellung überhaupt stattfinden! Kurz vor Beginn hämmern und schrauben die Handwerker noch am Bühnenboden herum. Aber dann treten auch schon zwei davon an die Rampe – und entpuppen sich als die Schauspieler Alfred Kleinheinz und Arthur Klemt. Die Kinder im Publikum müssten sich bitte alle mal kräftig nach rechts beugen, erklären diese „Bühnenarbeiter“ auf Bairisch, damit die klemmende Drehbühne in Schwung kommt, auf der Hans Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“ aufgeführt werden soll. Und siehe da, es funktioniert, die Show kann beginnen.

Schon sehen wir Großmutters Arme-Leute-Stube, wo sie mit den Enkelkindern Kai und Gerda zwischen Häkeldeckchen und Heiligenbildern lebt – liebevoll detailgetreu nachgebaut vom Bühnenbildner Ralph Zeger. Denn natürlich steht die illusionistische Verzauberung im Mittelpunkt des diesjährigen Weihnachtsmärchens für kleine (und große) Zuschauer am Münchner Residenztheater.

Darum gibt’s leise rieselnden Schnee, romantisches Sternengefunkel, eine Schneekönigin im Eiskristallmantel sowie eine hotzenplotzige Räuberbande mit langen Messern und Flinten. In einem barocken Thronsaal wiederum drehen sich der tuntige Prinz und seine affektierte Prinzessin wie Porzellanpüppchen zu Spieluhrklängen im Kreis, sind aber ansonsten ganz lieb. So wie das weiße Rentier mit Sonnenbrille und Leucht-Geweih (Arnulf Schumacher), das in der Höhle des punkigen Räubermädchens (Valerie Pachner) aus dem Wandschrank kommt und Gerda ins eisige Reich der bösen Schneekönigin (David Cordier mit beeindruckender Kopfstimme) trägt.

Die hat nämlich den Kai (sehr wandlungsfähig: Sierk Radzei) geküsst – und so den netten Buben in einen kaltherzigen Widerling verwandelt: „Eure Armut kotzt mich an“, hatte er Gerda und der Oma noch zugerufen, ehe er, wie Hamlet mit einem Totenschädel sprechend, Richtung Eis-Reich verschwand. Aber die liebevolle Gerda mit dem warmen Herzen, die bei Marie Seiser ein wenig wie Sophie Scholl aussieht und der die Schneekönigin nichts anhaben kann, macht sich auf den abenteuerlichen Weg, um den Bruder zurückzuholen.

Und wer ist schuld an der ganzen Misere? Natürlich der teuflische Kommerzienrat mit Hahnenfeder am Hut (Paul Wolff-Plottegg), der sich gleich selber als „Oligarch“ und personifizierter „Kapitalismus“ vorstellt. Dieser eiskalte Geschäftemacher hat die Schneekönigin erst gegen Omas (Christiane Roßbach) warme Wohnküchenidylle aufgehetzt, in der die reine Liebe regiert.

Eine Politparabel ist dieses Märchen auch schon bei Hans Christian Andersen, und dass Regisseur Samuel Weiss die Geschichte mit viel Witz, (Selbst-)Ironie und straff getaktetem Klamauk „aktualisiert“, macht den Abend umso vergnüglicher. Wie auch die kurzzeitigen Brechungen der Illusion, wenn wieder die Bühnenarbeiter auftreten, einen Thron mit der Kettensäge halbieren und, direkt ans Publikum gewandt, das Spielgeschehen kommentieren. Weil halt selbst ein Weihnachtsmärchen heute nicht mehr ganz naiv ohne Verfremdungs-Effekte auskommt (die es ja auch im Kasperltheater immer schon gibt).

Den kleinen Zuschauern schien’s jedenfalls nichts auszumachen. So verzaubert fieberten sie mit, dass niemand fürchten musste, sie seien durch Fernsehen und Computerspiele gegen echtes Theater immunisiert. Zu dieser Erkenntnis passt der tröstliche Schluss: Da gelingt es natürlich Gerda, der guten Seele, den vereisten Kai aufzutauen. Alle sind wieder glücklich vereint, und der Kommerzienrat wird zur Strafe schockgefrostet. Riesenbeifall.

Alexander Altmann

Weitere Aufführungen:

26. und 27. November, dann noch 18 Mal bis 29. Dezember; Telefon 089/ 2185-1940.

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