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Zärtlich vereint: Schriftsteller André und seine kranke Frau Dorine.

Premierenkritik 

Teatro Kulunka: Lachen, lieben, trauern

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München - Das Teatro Kulunka erzählt auf dem Münchner Tollwood-Festival eine Alzheimer-Geschichte.

Die Magie der Maske: Mit einer noch so kleinen Wendung des Oberkörpers, einem in den Schultern angesetzten Schnaufer, mit dem auf die Hand aufgestützten Kopf löst sich die Starre der Maske scheinbar auf, beginnt wunderbarerweise zu leben. Mit dem Maskentheater „Familie Flöz“ haben wir auf Münchens Tollwood in der Vergangenheit schon herrlich komische Szenen aus dem Ruhrpott-Alltag erlebt. Jetzt erzählt uns das Teatro Kulunka aus Spanien die Ehegeschichte von „André & Dorine“. Und man lacht, liebt und trauert mit diesen Figuren, die ohne Worte, gerade durch ihre Maske eine so starke Realität gewinnen (Theaterzelt).

André, kräftiger Gesichtserker unterm weißhaarigen Schopf, hackt auf seiner Reiseschreibmaschine herum. Der Roman muss fertig werden! Dorine, schüttere Grauhaarsträhnen, aber immer noch freche Himmelfahrtsnase, schlurft herein, stört mit ihrem Cellospiel. Kampfdialog zwischen Tastengeklapper und Saiten-Gekratze. Der Sohnemann schaut kurz vorbei, soll sofort Vaters Manuskript lesen, aber gleich auch den von Mutti besorgten Pulli anprobieren. Jede Reaktion ist wie aus dem Leben geschnitten: die patriarchalische Halsstarrigkeit, die mütterliche Fürsorge und, wunderbar, der verzweifelte Blick des Juniors ins Publikum.

Das ist genau der Moment, wo die Maske mit ihren vergröberten Zügen mehr Ausdruck transportiert als ein Gesicht. Es muss natürlich, was hier der Fall, die Körpersprache so präzise sitzen wie im Sprechtheater Betonung und Phrasierung des Texts. Wenn sich die beiden Alten zurückerinnern, haben die Masken keine (Kummer-)Falten, und die Gesten sind jugendlich-dynamisch: André, Siebzigerjahre-Langhaar-Jüngling und Möchtegern-Schriftsteller, trifft kesse Cellistin Dorine, und – quietsch, quietsch, quietsch – wird auf seinem Single-Klappbett der Nachwuchs gezeugt. Der Humor ist leise, übersetzt in Millimeter-Gesten. Und Regisseur Iñaki Rikarte nimmt sich, wohltuend in unserer getriebenen Smartphone-Ära, auch viel Zeit. Zeigt mit Geduld und auf feinnervige Art, wie das Leben durch Alzheimer verdämmert.

Vorlage für das Stück war die Biografie des Philosophen André Gorz, der sich 2007 mit seiner schwerkranken Frau das Leben nahm. Aber alles, was die Spanier hier darstellen, geschieht ja millionenfach: wie André zunächst, im Autoren-Egoismus, die Alzheimer-Diagnose für seine Frau verdrängen will. Und wie er schließlich Zärtlichkeit entwickelt, wie er lernt, mit ihrem Vergessen, ihren verrückten Handlungen umzugehen, zum Beispiel den Mantel verkehrt herum und die Socken als Handschuhe anzuziehen.

Am Ende stehen Vater, Sohn und seine schwangere Braut um den Cellokasten und werfen eine Blume hinein – Dorine ist gestorben. Nach diesem zarten, berührenden Schlussbild verbeugen sich drei junge schöne Menschen, die in fliegendem Wechsel fünfzehn Charaktere gespielt haben: Garbiñe Insausti, auch verantwortlich für die Masken, José Dault (beide haben Kulunka 2010 gegründet) und Eduardo Cárcamo. In Zeiten von Turbokapitalismus und Verschwendungskonsum ist dieser Abend das schönste Anti-Weihnachtsgeschenk.

Vorstellungen bis 20. Dezember; Telefon 089/ 54 81 81 81.

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