Technik und Täuschung

Fotos von Andreas Gursky: - Bild im Bild ­ in einem Saal des Münchner Hauses der Kunst zu entdecken. 1997 entstand die Arbeit "Ohne Titel VI" von Andreas Gursky ­ fast dreieinhalb Meter breit und gut zwei Meter hoch. Sie symbolisiert das Œuvre des 1955 in Leipzig geborenen Fotokünstlers auf spezielle Weise. In absolut nüchterner Draufsicht nahm er ein Gemälde von Jackson Pollock auf. Die typische Gursky'sche Querstruktur dominiert mit Licht-, Schatten- und Bild-Bahnen. In dieser eisernen Ordnung ruht der rasende Wirr-Sinn der Tropfen- und Schlieren-Malerei.

Zehn Jahre hatte Gursky, Schüler von Bernd Becher, schon "produziert", bis er den eigenen Standpunkt derart treffend reflektierte. Von der dokumentarischen Fotografie kommend, näherte sich der Düsseldorfer immer mehr der Malerei an: nicht technisch, aber ikonografisch. Diese Neugierde, diese Unvoreingenommenheit hat ihm fotokünstlerisch weite Möglichkeiten eröffnet. Er sieht, was andere auch sehen, aber er sieht anders ­ und kombiniert es aufregend.

Die bisher umfassendste Einzelausstellung

Mittlerweile zählt Andreas Gursky international zu den Wichtigsten der Zunft und wird dementsprechend gehandelt: auf dem Markt und in den Medien. Mit der Werk-Schau von 46 riesigen Fotografien aus der Zeit von 1987 bis 2007 ist Thomas Weski, Foto-Experte im Haus der Kunst, die bisher umfassendste Einzelausstellung des Gursky-Schaffens und damit ein enorm beachtetes Ereignis geglückt. Die Präsentation wird darüber hinaus nach Istanbul, in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Moskau, Melbourne und Vancouver weiterwandern.

Schon in der Exposition "Click Doppelclick", die im vergangenen Jahr aktuelle Fotokunst bilanzierte, hatte Weski "Bahrain I" (2005) vorgestellt. Jetzt markiert das Bild den Einstieg in die Gursky-Gesamtschau: ein sand- und anthrazitfarbenes, scheinbar informelles "Gemälde", entstanden aus Fotos von einer Rennstrecke in der Wüste. Die wurde digital wüst gestaucht und verbogen, als wär‘s eine im Kinderzorn zerstampfte Carrera-Bahn. Alles ist aus der Perspektive gekippt und aufrecht gestellt. Allerwinzigklein die Menschen. Nur am oberen Bildrand darf die Wüste Wüste sein.

Zwei Jahre später treibt Gursky dieses Motiv in die völlige Abstraktion. Unverständlich, dass die Arbeiten (weitere Beispiele ließen sich nennen) nicht im gleichen Raum hängen; ebenso wie die auf den zweiten Blick absurde Bergetappe der Tour de France. Hier hätten sich gute Seh- und Versteh-Hilfen ergeben können.

Gursky erschafft mit perfekter Technik und Täuschung einen raffinierten Dialog aus Chaos und Ordnung. Wobei er es liebt zu zeigen, dass Ordnung Chaos sein kann. Die drei "Pyong-yang"-Aufnahmen (2007) beweisen das. Ein Menschen-Kollektiv formt sich zu gigantischen bonbonbunten Ornamenten, die das Chaos der nordkoreanischen Regierung verdecken sollen. Dagegen spricht das wirbelige Durcheinander bei einem Pop-Konzert ("Madonna I", 2001) von einer Ordnung, einer Hinwendung in Freiheit. Wie Konfetti im nächtlichen Sturm hat der Künstler die Zuschauer (digital) inszeniert ­ ausgerichtet aufs Licht, auf den Star.

Immer ausgefeilter wird Gurskys Umgang mit Dunkelheit und Ausleuchtung. Magische Helligkeit umgibt die je zwei Service-Teams bei "F1 Boxenstopp I, II, III" mit einer Aura, modelliert sie heraus, wie es Caravaggio bei seinen Figuren tat. Randbereiche verwischen im Halbdunkel. Aber genau die sind interessanter als die gut sichtbaren Auto-Aliens in ihren Monturen. Die im Schatten sind die sexy Maskottchen-Frauen und ironischen Zerrspiegelbilder des Fotokünstlers: Bilder "schießende" Profis und Amateure, die oberhalb der Crews eine Kette bilden.

All diese Fotografien sind nicht authentisch. Sie sind Fiktion; nicht nur weil sie per Computer bearbeitet wurden, sondern weil sie von Anfang an dem gestalterischen Willen entspringen. Sie sind nicht realistisch, aber wahrhaftig. Wobei Andreas Gursky fast nie den Bezug zu unserer Wirklichkeit aufgibt ­ auch in gesellschaftskritischer Hinsicht: Er feiert traumschöne Natur wie die "James Bond Islands" (2007), er sieht aber auch wie sie zer-nutzt wird, zum Beispiel durch gigantische Rinder-Pferche ("Greeley", 2002). Ganz ähnlich kennzeichnet er die "Massen-Menschhaltung" in Fabrikhallen, Bürotürmen oder Börsen-Sälen. Er behält aber stets die Schönheit im Blick.

Das ist nicht nur so bei dem brillanten Engadin-Panorama, wo in der Weiße des Schnees die Langläufer-Masse zur Insektenschar schrumpft (2006). Auch die minimalistische Ästhetik von "Wellpappe" fasziniert, wenn Andreas Gursky sie fotografisch veredelt. Und ist dann doch nichts anderes als ein Spargelfeld aus der Vogelperspektive. Braune Erd-Reihen, schwarze Plastikplanen und ab und an Menschlein mit Schubkarren. Es kommt eben auf den Standpunkt an.

Bis 13. Mai, Tel. 089/ 21 12 71 13, Begleitbuch: 68 Euro.

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