Bayreuther Premierengäste müssen raus

Venus-Käfig bleibt stecken: Festspiele unterbrochen

Bayreuth - Die Eröffnung der Bayreuther Festspiele wurde heute Nachmittag nach knapp einer Stunde unterbrochen: Die Premierengäste - darunter Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer - mussten das Festspielhaus verlassen.

Erst ein Knall, dann ein zweiter, Metallteile fliegen umher: So beginnt am Freitag nur kurz nach dem Vorspiel der Oper „Tannhäuser“ eine der ungewöhnlichsten Vorstellungen in der Geschichte der Wagner-Festspiele. Was vom Publikum aus möglicherweise wie inszeniert aussieht – wer weiß schon, was im gigantischen Bühnenbild gewollt ist und was nicht? –, wirkt vom Inspizientenpult rechts auf der Bühne doch etwas dramatischer.

Der Knall auf der Bühne jedenfalls war nicht inszeniert: An dieser Stelle des Abends soll der Eindruck entstehen, zwei Kräne zögen in die abgeschlossene Wartburg-Welt einen Käfig nach oben. Einen Käfig, der es in sich hat: Dort verlustieren sich Tannhäuser und seine Venus. Doch der „Tannhäuser“ zur Festspieleröffnung bekommt den Venusberg nicht gestemmt: Mit lautem Geräusch reißen die Verankerungen des Käfigs, er bleibt nicht einmal auf Hälfte seiner Höhe stecken, hinter der Bühne bricht emsige Geschäftigkeit aus.

„Wir müssen abbrechen“, schaltet sich die Abendspielleiterin ein. Eine Vorstellung abbrechen: Das hat es in Bayreuth wohl noch nicht gegeben. Ein Vorspiel abbrechen, ja: Dass hatte sich zuletzt Wolfgang Wagner einmal mit James Levine in einer „Götterdämmerung“-Vorstellung erlaubt, um einen Ersatzsänger für einen erkrankten Solisten anzukündigen. Aber an einer Unterbrechung dieser festlichen Eröffnung hängt weit mehr. Unter anderem der Bayerische Rundfunk (BR), der live überträgt und an Sender in der ganzen Welt weiterleitet. Im BR-Übertragungswagen dürfte der Puls der Techniker und vor allem der Moderatoren jedenfalls gewaltig ansteigen, als Inspizient Metzner sie anfunkt: „An den BR: Wir werden vermutlich gleich unterbrechen, bitte bereiten Sie sich vor.“ Zur Abendspielleiterin: „Dass muss Katharina Wagner entscheiden, das machen wir hier nicht.“

Mittlerweile wuseln Dutzende Techniker und Helfer an den Seiten der Bühne, während die Sänger tapfer weitermachen. Auftritt Katharina Wagner, erregt, aber gefasst lässt sie sich die Situation schildern – und gibt das Signal für den Abbruch. Ein Harfenakkord noch, und bevor Tannhäuser sein „Dir töne Lob“ erklingen lassen kann, fällt für die Produktion, die doch so gern ohne Distanz zu den Zuschauern auskommen wollte, der Vorhang. Das süße Lied verhallt, alle Zuschauer müssen das Festspielhaus verlassen – auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und Schlagersänger Roberto Blanco.

Nach 50 Minuten Zwangspause und notgegarten Bratwürsteln geht es wieder hinein, man setzt nach der Ouvertüre ein. Die BR-Moderatoren können aufatmen. Drinnen wird wieder gespielt, diesmal im Safer-Sex-Modus: Der Venusberg bleibt unten.

Rubriklistenbild: © dpa

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