+
„Ich wäre verrückt, wenn ich nicht nervös wäre“: Joseph Calleja (32), Star-Tenor aus Malta.

Der Tenor als Lebensretter - ein Interview

München - Donizettis „Liebestrank“ an der Bayerischen Staatsoper ist so etwas wie ein Podium für durchreisende Tenor-Stars. Der "Neue", Joseph Calleja, spricht im Interview über naive Helden, schnelle Karrieren und affige Verkleidungen.

Nach Giuseppe Filianoti, Rolando Villazón und Pavol Breslik ist nun Joseph Calleja in der Rolle des Nemorino zu erleben, erste Vorstellung ist morgen. Calleja stammt aus Malta und hat mit seinen 32 Jahren bereits einen imponierenden Karrierestart hingelegt.

Die wichtigste Frage ist natürlich: Werden Sie zum „Una furtiva lagrima“ die Laterne hochklettern, wie es Regisseur David Bösch vorgesehen hat?

Warum nicht? Ich habe es in der Probe gemacht und die Arie ohne Probleme gesungen. Ich bin nur etwas nervös, weil ich es noch nicht auf der Bühne versucht habe. Wir hatten eine Proben-Laterne, die im tatsächlichen Bühnenbild ist um gut einen Meter höher.

Wie belastend ist es überhaupt, diese Arie zu singen? Jeder kennt sie in irgendeiner tollen Interpretation...

Das ganze Repertoire, das ich gerade singe – ob „Liebestrank“, „Rigoletto“ oder „Bohème“ – ist sehr bekannt. Ich bin also nervös von dem Moment an, wenn ich die Bühne betrete, bis zum Ende der Aufführung. Die Hauptsache ist aber: Die Zuhörer und ich müssen Spaß an der Musik haben.

Ist es notwendig, mit einer gewissen Portion Nervosität rauszugehen?

Notwendig nicht. Aber ich wäre ein verrückter Typ, wenn ich nicht nervös wäre. Wir Sänger haben eine große Verantwortung. Nicht wie Ärzte, wir retten ja keine Leben. Obwohl: Vielleicht retten wir Leben auf einer ganz anderen Ebene, indem wir den Leuten Freude bereiten...

Was für ein Typ ist Nemorino? Ein Naivling? Ein großes Kind?

Naiv trifft’s am besten. Ich habe deshalb ein wenig Sorge bei dieser Inszenierung. Nemorino ist kein Clown. Er ist auch nicht Charlie Chaplin. Er hat ein großes Herz, kennt die Welt noch nicht. Er mag unwissend sein – aber nicht dumm. Das sind zwei grundverschiedene Dinge. Nehmen Sie doch den ersten Akt, da redet er wie ein Poet.

Und steckt ein Stück Nemorino auch in Ihnen?

Ein Stück Nemorino ist in jedem von uns. Die Unwissenheit eines Kindes, diese Naivität, dieses Fehlen jeglicher Vorurteile finde ich wunderbar. Er glaubt einfach an die Liebe. Und er ist mutig, weil er im Grunde seines Herzens weiß: Diese Frau ist zu gut für mich.

Sie lernen gerade Deutsch. Kündigen sich da entsprechende Rollen an?

Ich träume natürlich von einer Partie: vom Lohengrin. Das ist die Partie Wagners, die am ehesten mit einer italienisch geschulten Stimme gesungen werden kann. Bevor ich aber eine deutsche Partie singe, will ich die Sprache beherrschen, um jedes Wort verstehen zu können. Sicher wird meine Stimme langsam größer, ich habe aber noch immer die Farbe eines lyrischen Tenors. Nicht nur das Volumen prägt eine Stimme, sondern vor allem die Farbe. Es braucht eben Zeit. In knapp vier Jahren singe ich erstmals den Riccardo im „Maskenball“ – auch wenn ich es jetzt schon könnte. Erst wenn die Stimme vollkommen bereit dafür ist, mache ich die Verträge.

Sie lehnen also viel ab.

Stimmt. Die Met bekommt Körbe, Wien gerade für den Cavaradossi. Nur so vermeidet man Krisen. Natürlich mache ich Fehler, aber es sind unterm Strich keine stimmgefährdenden Fehler.

Und wie gefährlich ist das dauernde Ablehnen? Verzeiht der Markt das?

Es ist gefährlich. Aber letztlich muss man sich die Frage stellen: Wer willst du sein? Einer, der weniger arbeitet? Oder einer, der keine Stimme hat? Für mich bedeutet Singen nicht nur Geldverdienen. Klar ist es schön, wenn sich das Konto füllt. Aber Singen hat für mich mit einem künstlerischen Erlebnis zu tun. Sollte ich meine Stimme mit 65 verlieren, hätte ich nichts dagegen. Aber mit 35 sollte es nicht passieren.

Haben Sie immer noch einen Gesangslehrer?

Ja klar. Ich habe auch hier in München mit einer Pädagogin gearbeitet und werde es demnächst wieder tun. Im Sommer kam James Pearson von der Wiener Staatsoper für zwei, drei Wochen zu mir nach Malta. Jeder Violinist, jeder Pianist übt doch dauernd. Der Körper verändert sich außerdem. Das Dümmste, was ich von Kollegen höre, ist daher: „Ich bin fertig, ich brauche keinen Lehrer mehr.“

Sie sind 32 Jahre alt und ein Star. Denken Sie sich manchmal: Moment, das geht zu schnell?

Vor sechs Jahren ging es mir zu schnell. Da wurde ich in die internationale Szene hineinkatapultiert. Mit vielen Terminen – und auch gleich mit zwei CDs. Da dachte ich mir irgendwann: Jetzt mach’ mal eine Pause. Meine nächste CD kommt im Mai heraus, italienische und französische Arien mit Marco Armiliato am Pult. Bei diesem Album fühle ich mich endlich wie einer, der weiß, was er tut. Wir Sänger machen mit so etwas ja keine Millionen. Es wird immer schwieriger, auf dem CD-Markt Geld zu verdienen.

Wie wichtig ist es überhaupt, eine große CD-Firma im Rücken zu haben? Oder reicht es, sich auf der Opernbühne zu zeigen?

Nun, es gibt ja nicht viele Tenöre auf der Welt, vielleicht fünf, die einen Exklusivvertrag mit einem großen Label haben. Da ich dazu gehöre und auch noch der Jüngste dieser Fünf bin, fühle ich mich schon sehr privilegiert.

Und wie sieht es mit künftigen Münchner Engagements aus?

Diese Saison gibt es noch „La bohème“. Ja, und dann kommt ein neuer „Rigoletto“, ich glaube, das ist 2013 oder 2014.

Mit dem alten „Rigoletto“, Doris Dörries Affen-Regie, haben Sie ja auch Erfahrungen...

Oh je... Es kommt ja auch eine neue Inszenierung, weil die alte sinnlos ist. Ich erkläre Ihnen mal, warum: Auf diesem Planeten gab es nur Affen – ausgenommen Rigoletto, Gilda und Roboter Giovanna. Es existierte also nur ein weibliches menschliches Wesen. Die ersten Worte des Herzogs drehen sich aber um eine Unbekannte, die er in der Kirche gesehen hat. Wie kann er an ihrer Identität zweifeln, wenn es nur eine Frau gibt?! Die ganze Produktion bricht schon bei diesen Worten zusammen. Aber gut: Ich war 24, hatte mein Debüt bei den Festspielen. Und wenn unten Zubin Mehta steht, ist es okay, wenn man ein Affe ist. Dafür hätte ich mich auch als Stier verkleidet.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare