Tenoraler Triumphzug mit italienischer Grandezza

- Der "Sir" zog extra sein Sakko aus. Wahrscheinlich war es dem scheidenden Staatsopernintendanten Peter Jonas in seiner Loge zu heiß geworden, vielleicht wollte er sich aber auch die Träne im Knopfloch ersparen. Verdis "Don Carlo" stand auf dem Spielplan, die vorletzte Aufführung der Münchner Opernfestspiele 2006 - und die vorletzte, die Peter Jonas und sein Generalmusikdirektor Zubin Mehta als erfolgreiches Führungsduett im Nationaltheater miterleben durften.

Daher darf man Sir Peter schon jetzt ein wenig sentimental beklatschen - auch wenn man seine Bühnenansprachen, die stets Krankheit und Umbesetzungen verkündeten, nicht vermissen wird.

Bei "Don Carlo" konnte er sich noch einmal richtig austoben: Gleich vier Absagen machten dem Festspielbetrieb gewaltig zu schaffen. Zumal der für den fieberhaft erwarteten Ramón Vargas eingesprungene Giuseppe Gipali mit der Titelpartie zwar vertraut war, die aus den beiden amtlichen Versionen zusammengestellte "Münchner Fassung" aber nicht kannte. Zwei Tage mussten ausreichen, um das Finale des vierten Akts einzustudieren. Sie reichten aus, und Gipali rauschte im tenoralen Triumphzug über die Bühne, mit italienischer Grandezza in der Stimme und einem feinen, weichen Schmelz. Ebenso kraftvoll wie der junge Tenor, an Stimmkultur aber weit unterlegen: Paolo Gavanelli, der in Jürgen Roses bombastüberladener Inszenierung aus dem Jahre 2000 den Posa sang.

Die Starre seines musikalischen Ausdrucks stand in seltsamem Kontrast zu seiner schauspielerischen Lebendigkeit - die aber gegen die unanfechtbare Bühnenpräsenz Matti Salminens (Filippo), dem basskundigen Meister der musikalischen Finsternis, nicht ankam. Bei den weiblichen Hauptpartien stritten sich Marina Mescheriakova als Elisabetta und Nadja Michael (anstelle von Luciana D'Intino) als Prinzessin Eboli um die Gunst Don Carlos und die des Publikums.

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