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Der neue Darling des Klassikmarkts: Teodor Currentzis (46) nimmt die Ovationen entgegen.

BEETHOVEN-ZYKLUS

Currentzis in Salzburg: Dauerfeuer bis zur Unspielbarkeit

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Teodor Currentzis setzt seinen Salzburger Beethoven-Zyklus fort - und bringt sein Orchester in Bedrängnis 

Salzburg - Die Pause, das wird an diesem Festspiel-Abend gemutmaßt, sei nur aus einem Grund so ausgedehnt: um das Konzert auf Normallänge zu bringen. Und tatsächlich ist Teodor Currentzis schnell fertig. Mit Beethovens Erster nach einer knappen halben Stunde, mit der Dritten nach rund 45 Minuten. Zugaben gibt es keine. Und wer hört, wie das famose Orchester von musicAeterna gegen Ende an kleinen Intonationsverlusten krankt, wie sich im stickigen Saal Konditionsreserven neigen, der versteht: Es ist besser so.

Für den zweiten Teil ihres Salzburger Symphonien-Zyklus ist Currentzis von der Felsenreitschule ins Mozarteum umgezogen. Alle restlichen Konzerte werden hier stattfinden, so wie es bereits Paavo Järvi 2009 bei seiner Beethoven-Großtat hielt. Und es ist zu hoffen, dass sich musicAeterna auf den kleinen, knalligen Saal noch einjustieren. Anders als bei der Neunten zum Zyklusbeginn irritieren Balanceprobleme. Oft können sich wie im Kopfsatz der „Eroica“ Bläser mit ihren korrespondierenden Linien nicht durchsetzen. Wie überhaupt die dritte Symphonie enttäuscht. Currentzis bringt sich mit seiner Turbo-Haltung um Ausdrucksmöglichkeiten. Das Dauerfeuer am Rande der Unspielbarkeit hat seinen Preis – die Sache wird wirklich ungenau.

Willkürliche Tempowechsel

Außerdem nivelliert die Überspannung vieles, man nehme nur den katastrophischen Höhepunkt im ersten Satz der „Eroica“, nach dem Beethoven das Geschehen ermattet zusammensinken lässt. Bei Currentzis wird dieser Moment nur zur zusätzlichen Fortissimo-Stelle mit anschließendem Zurückdrehen der Dynamik. Ein Schalter wird umgelegt, kein existenzielles Ereignis. Anders, farbenbewusster der Trauermarsch. Doch hier wie später im Scherzo misslingt die Tempo-Architektur. Willkürliche Wechsel nimmt Currentzis vor, am merkwürdigsten im Trio, bei dem die Jagd-Episode der Hörner abgebremst wird – weil sie sonst gar nicht mehr zu bewältigen ist. Letztlich steht die Rasanz einer Interpretation im Weg. Die Charakterkontraste der Final-Variationen können gar nicht herausgestellt werden – die plötzliche Reduzierung auf ein Streichquartett im einen Fall oder die vom Stampfen des Dirigenten begleitete „Bauern-Variation“ bleiben äußerliche Inszenierung.

Anders die Erste. Die erlebt man wirklich, als werde eine Tür zu neuen Welten aufgerissen. Eine Befreiungsaktion bis an den Rande des Irrsinns, eine Vorahnung dessen, was später in Beethovens Siebter so gern als „Apotheose des Tanzes“ geschildert wird. Dass Currentzis sein Orchester zur abgerissenen Tongebung anhält, dass manches klingt, als werde auf einen Kartoffelsack eingeboxt, dass nur selten etwas ausschwingen darf, dass Weiches oft umschlägt in harte, konturierte Gesten, all dies passt zur Ersten – und es passt auch in diesen Saal. Viele Mikrofone hängen dort, alles wird mitgeschnitten. Keine Überraschung: Eine Gesamtaufnahme mit dem neuen Darling des Klassikmarkts drängt sich auf. Auch wenn, die ersten beiden Konzerte der Reihe haben’s gezeigt, dieser Beethoven für Currentzis nur ein Zwischenergebnis sein kann.

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