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Teodor Currentzis kümmert sich um die von ihm dirigierten Werke genauso akribisch wie um sein Image.

PORTRÄT UND CD-KRITIK

Teo gegen den Rest der Welt

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Perm - Messias oder Scharlatan? Genie oder Blender? Teodor Currentzis mischt gerade die Klassikszene auf. Manchmal schießt er dabei übers Ziel hinaus wie mit seiner Einspielung von Mozarts „Don Giovanni“.

„Eine Art Fluch“ könnte daran schuld sein. 229 Jahre Aufführungsgeschichte, und das meiste laufe schief mit diesem „Don Giovanni“. Einfach, weil auch die Besten der Dirigentenszene das Stück „irgendwie falsch“ läsen. Und nun – Tusch, Fanfare, am besten stückgemäß in d-Moll – ist der Messias da. Zwei Sätze braucht es nur im CD-Booklet, und Teodor Currentzis hat die Taten der Kollegen beiseitegewischt. Man kann den Stil gut oder schlecht finden, auf jeden Fall passt er zu diesem Pultmann, der als Überrumpler gerade auf dem Opernmarkt unterwegs ist – und dabei elefantös das eine oder andere Porzellan zerdeppert.

Currentzis, geboren 1972 in Athen und Herrscher über das Opernhaus im ostrussischen Perm, ist der Dirigent unserer Zeit. Damit ist nichts Epochales gemeint, sondern das Image, das nicht nur von ihm, sondern auch von der dankbaren Plattenfirma befeuert wird. Ein Exzentriker in Leder. Ein genialischer Dandy, der an seinem Umfeld, der Klassikszene und ein Stück weit auch an sich selbst leidet. Ein Revolutionär von eigenen Gnaden, der jedes Werk, das er sich vornimmt, (un-)gehörig aufmischt. Ein Kämpfer gegen ein angeblich verstaubtes System, das an Verkrustungen und Traditionen zu ersticken droht. Ihr da oben, ich Teodor: Wäre Currentzis auf anderem Sektor unterwegs, er hätte längst eine Partei gegründet.

Dass er „nur“ über ein Haus 1100 Luftlinienkilometer von Moskau entfernt gebietet, stimmt so nicht. Dort ermöglichen ihm die Verantwortlichen alles. Probenzeit und Geld betrifft das in erster Linie: Currentzis versammelt regelmäßig hervorragende internationale Instrumentalisten um sich, die unter dem Namen Musicaeterna bis in die Nächte hinein an einzelnen Takten feilen, weil es der Meister so will. „Eine gute Probe schenkt einem bestenfalls diesen Punkt, an dem man gemeinsam keine Grenzen mehr kennt, wo das Herz sich öffnet, wo die Musik ihr eigenes Leben beginnt“, hat Currentzis einmal im Interview gesagt. „Das ist umwerfend.“

Probenfanatiker, der mit Hörgewohnheiten bricht

Messias oder Scharlatan? So ganz eindeutig lässt sich die Frage im Falle dieses Dirigenten nicht beantworten. Pultmänner, die ihre Orchester mit Detailarbeit traktieren, gab (Celibidache) und gibt (Petrenko) es schon immer. Auch solche, die mit Hörgewohnheiten brechen. Je mehr sich das Klassikrepertoire auf die immer gleichen Werke verengt, desto wichtiger werden diese Andersartigen – und deshalb nicht nur von Publikum, sondern gerade von einer Kritik freudig begrüßt, die alles schon gesehen und gehört hat und darob am großen Gähnen leidet. Auch die Spötter sind schon unterwegs: Currentzis sei deshalb ein Probenfanatiker, weil seine begrenzte Schlagtechnik im Ernstfall Aufführung nicht die gewünschten Ergebnisse erziele. Auch dafür gibt es Beispiele, an der Bayerischen Staatsoper zum Beispiel wusste man davon unter Kent Nagano nicht nur ein Lied, sondern sogar viele Partituren zu singen.

Alles, was Currentzis’ Interpretationen ausmacht, ist tatsächlich schon dagewesen. Nur eben nicht in dieser extremistischen Ausprägung. Der Mann ist kein Neuerer, sondern einer, der vorhandene Strömungen geschickt (und zu seinem Nutzen) weitertreibt bis hinein in die von der Partitur kaum mehr gestützte Willkür. Sein Image gibt Teodor Currentzis in manchem ja Recht. Mozarts „Don Giovanni“, gerade mit viel Getöse bei einem Major-Label veröffentlicht, putzt tatsächlich die Ohren frei. Präzision, aberwitzige Tempi, Kontraste, Widerborsten, ein minutiös gemeißeltes Klangrelief, all das verblüfft. Die Aufnahme ist der letzte Teil im Da-Ponte-Zyklus von Currentzis – und fällt doch hinter „Le nozze di Figaro“, vor allem aber hinter die grandiose „Così fan tutte“ zurück. Hört, man kann so viel machen mit Mozarts Partitur, scheint Currentzis allen zuzurufen. Und, das ist die Krux – er führt es auch vor. Dieser „Don Giovanni“ ist weniger geschlossene Interpretation, sondern Dressur. Das (gewiss vorhandene) Atemlose des Stücks treibt Currentzis bis an den Rand der Karikatur. Als ob Mozart nur Grau- und Schwarzwerte kennt.

Kaum formatfüllende Sänger

Ein weiteres Problem dieses Dirigenten sind die Sänger, übrigens auch bei vorangegangenen Aufnahmen. Es gibt in diesem „Don Giovanni“ kaum jemanden, der seine Rolle formatfüllend gestaltet, am ehesten noch Karina Gauvin als Elvira und Kenneth Tarver als Ottavio. Die Pointe an diesem Projekt: Einige Monate ist es her, dass Currentzis kurz vor Abschluss einer „Giovanni“-Gesamtaufnahme stand. Sie wurde abgebrochen, die vorliegende Einspielung ist Versuch Nummer zwei – auch solche Extra-Aktivitäten gehören zur Karriere des Ausnahmekünstlers.

Schon mehrfach hat Currentzis bei den Münchner Philharmonikern gastiert und vor dreieinhalb Jahren an der Bayerischen Staatsoper Verdis „Macbeth“ in einer „raubauzigen, lärmenden Deutung“ dirigiert, wie unsere Zeitung urteilte. Für eine Zürcher Premiere mit eben jenem Stück ist der Russland-Grieche in der Umfrage der Zeitschrift „Opernwelt“ zum Dirigenten des Jahres gewählt worden. Genie und Wahnwitz: Manchmal passiert das eine an Currentzis-Abenden, mal das andere, im besten Fall beides zusammen.

Zweifellos hat es der Klassikmarkt hier mit einer außergewöhnlichen Begabung zu tun bekommen, auch wenn der Mann sich manchmal selbst im Weg steht. Die Salzburger Festspiele geben Currentzis und seinem Orchester im kommenden Jahr eine Riesenplattform. Mit Konzerten, besonders aber mit der Neuproduktion von „La clemenza di Tito“: Mozart dort einmal nicht von den Wiener Philharmonikern gespielt, das ist so absonderlich, als ob Baden-Württemberg plötzlich von einem Grünen regiert wird. Also offenkundig möglich.

Wolfgang Amadeus Mozart: „Don Giovanni“. Musicaeterna, Teodor Currentzis (Sony); der Dirigent und sein Ensemble gastieren am 14. März 2017 mit einem Mozart-Beethoven-Programm im Münchner Gasteig.

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