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Als Wesensverwandte grüßen: Teodor Currentzis und Geigerin Patricia Kopatchinskaja.

Konzertkritik

Teodor Currentzis in München: Revolution als Pose

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München - Teodor Currentzis, Exzentriker und Provokateur der Dirigentenszene, tourt derzeit mit seiner musicAeterna durch Europa. Im Münchner Gasteig gab‘s Werke von Mozart und Beethoven - in gewöhnungsbedürftigen Interpretationen.

Das Programm: auf dem Papier ein Ausbund an Langeweile. Mozart-Symphonie (Nummer 25) und -Violinkonzert (Nummer 4), dann Beethovens „Eroica“, was man eben so spielt, um Riesenläden wie den Münchner Gasteig – fast – vollzubekommen. Doch dann verlässt man den Saal nach zweieinhalb Stunden inklusive einer zugegebenen „Figaro“-Ouvertüre, immer Vollgas auf der Überholspur, und konstatiert: alles noch nie so gehört. Eine Qualität?

Genau daran scheiden sich Publikums- und Aktivengeister bei Teodor Currentzis und seinem russischen Ensemble musicAeterna, während Werbemanager und Plattenfirma frohlocken: endlich eine neue, wahrnehmbare Marktmarke gefunden. Und es ist ja wahr. Was der gebürtige Grieche und Wahl-Sibirier bietet, ist eine Mixtur aus Radikalem und Extravaganz. Mit seiner Sturmtruppe, in unzähligen Proben auf Detailwut gedrillt, wird Beethovens Dritter tatsächlich Überrumpelndes entlockt und ziemlich Stückgemäßes. Die Wiener Klangrevolution wird nochmals nachvollzogen – und gerinnt doch, das ist das Hauptproblem des immens begabten Currentzis, zur Pose.

Es gibt durchaus herrliche Momente, etwa die hintergründig verbremste Jagdhorn-Episode im Scherzo, die pointierten Degenfechtereien im Kopfsatz. Doch gerade im flott genommenen Trauermarsch wird die Achillesferse dieser Interpretationen offenbar. Der gerade so gepushte Maestro (er wird eine der Zentralfiguren der Salzburger Sommerfestspiele) ist weniger Unruhestifter und Ausdrucksextremist als vielmehr zeitgemäßer Episodenkünstler für die Generation Twitter. Der heikle, sicher auch mit falsch verstandener Klangtradition belastete Satz, ist kein geschlossenes System mehr. Im Mikrokosmos ist Currentzis gut, im Denken von Zusammenhängen kaum. Die Partituren schreien einem entgegen wie Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung, das Finale der „Eroica“ wird wie ein guter Witz serviert, bei dem der Erzähler am meisten lacht.

Stärker ist das vor der Pause zu spüren. Solistin Patricia Kopatchinskaja, eine Wesensverwandte des Dirigenten, treibt das vierte Violinkonzert in eine Karikatur, die Mozart mutmaßlich gefallen hätte. Vogelimitationen, Geräuschhaftes, Dudelsackeffekte, Improvisiertes, bei dem auch das Orchester ins Leere läuft – das D-Dur-Opus als Komödie. Gewöhnungsbedürftig ist dabei der schmale, weißliche Geigenton; doch der passt zum staubigen Skelettklang des Orchesters.

Die 25. Symphonie inszeniert Currentzis ebenfalls als Revolte und reicht doch kaum an ebenso gestrickte Vorgänger wie Harnoncourt und Jacobs heran. Weil die eben Entscheidendes begriffen haben: Mozart funktioniert nicht als eindimensionale Unternehmung, sondern nur mit Zartgefühl und Empfindsamkeit.

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