Terror der Familienbande

- "Der Wille, der Wille! Geh mir nur damit! Das kenn ich besser. Da mag man wollen und wollen und hundertmal wollen, und alles bleibt doch beim alten." Wie eine Explosion ihres Unterbewusstseins bricht es da aus ihr heraus und wendet sich gegen Wilhelm, den mit den besten Absichten zur Versöhnung zurückgekehrten verlorenen Sohn.

<P> Das traurige Lebensfazit dieser kleinen, gebeugten, grauen Minna Scholz. Der Mutter dreier erwachsener Kinder, die sich bei ihrer Zusammenkunft zanken und schlagen wie die Gören. Der Frau, die vor sechs Jahren von ihrem Mann verlassen und nun urplötzlich wieder heimgesucht wird von diesem egomanischen, unter Verfolgungswahn leidenden Monolith. Und das am Heiligabend.<BR><BR>Es ist der Horror des eigenen Ichs, der Terror der Familienbande, das Drama des Schicksals. Und es ist die Komödie der Vergeblichkeit und des Geizes. "Das Friedensfest" hat der junge Gerhart Hauptmann (1862-1946) ironisch sein zweites, 1890 in Berlin uraufgeführtes Stück genannt. <BR><BR>Und hat damit einen frechen Blick geworfen unter die Dächer der deutschen Bürgerlichkeit. Hauptmann, der sich in jener Zeit ja auch als Bildhauer betätigte, hat das Familienszenario wie mit einem Meißel herausgeschlagen aus dem marmornen Klischee vom trauten Heim. Aber so ein Stoff - der Sohn schlug einst den Vater und wird die Schuld der bösen Tat nicht mehr los -, der damals ein Aufreger war, ist in Zeiten platten Fernseh-Naturalismus' längst zur Moritat verkommen. <BR><BR>Die "Familienkatastrophe", wie der Dichter sein Stück untertitelte, wirkt bei der Lektüre heute verstaubt, eindimensional, altmodisch. Man muss es nicht unbedingt mehr aufführen. Aber man kann es: wenn man es kann wie Thomas Langhoff, der Spezialist für Vater-Mutter-Kind-Geschichten, der jetzt "Das Friedensfest" am Münchner Residenztheater inszeniert hat.<BR><BR>Und wenn man Schauspieler hat wie die glänzende Cornelia Froboess und den felsenhaften Claus Eberth als das selbstzerstörerische Ehepaar Scholz. Zwei Darsteller, die die Kunst der Doppelbödigkeit beherrschen, den verzweifelten Witz und die komische Tragik. <BR><BR>Die Froboess: eine Riesin der Kümmernis. Mit dem Mut ihrer schauspielerischen Größe ist sie das zu früh gealterte, lamentierende Zeterweib, das sich nur fürs Geld interessiert und sich schmucklos eingerichtet hat in der Misere eines Lebens ohne Liebe.<BR><BR>Dass sie vielleicht einmal doch auch ein liebessüchtiges junges Mädchen war, scheint in einem kurzem Moment durch. Wenn die patente, für Männer immer noch in Frage kommende Frau Buchner, von Elisabeth Rath mit Rasanz gespielt, ihr das Du anträgt und mit einem Kuss besiegelt, ist es rührend und gleichzeitig zum Lachen komisch, wie Froboess die Scheu vor dieser unverhofften Zärtlichkeit überwindet, wie sie vor- und zurücktrippelt, bis sie endlich der Freundin in die Arme sinkt und gar nicht mehr aufhört, ihr mit Schmatzküssen die Wange zu bedecken.<BR><BR>Und dass diese Frau auch einer "normalen" Familie vorstehen und nicht nur die Mutter lauter Psychopathen sein könnte, wird in jener Szene deutlich, wenn sich alle angesichts des in Ohnmacht gefallenen Sohnes Wilhelm in einem trügerischen Augenblick der Versöhnung die Hände reichen.<BR><BR>Da freut man sich als Zuschauer auch über die hellblitzenden Augen des alten Claus Eberth, der sowohl die Brutalität des Vaters wie auch dessen Zärtlichkeit und den endgültigen Verfall in den Wahn imponierend darstellt. Herrlich auch Helmut Pick als versoffener Sonderling und Hausfaktotum Friebe. Soweit die alte Garde der Schauspieler, die von vornherein eine Garantie fürs Gelingen ist.<BR><BR>Aber auch die Jungen zeigen Beeindruckendes. Zunächst die drei Geschwister. Christian Nickel als Wilhelm, der überzeugend die Qualen der Liebe, der Gefangenschaft in Schuld, Reue und Sühne spielt. Thomas Loibl, der den Zyniker Robert mit Hang zum Wahnsinn zur gewiss interessantesten, da geheimnisvollsten Figur der Inszenierung werden lässt. Und Anna Riedl, die die altjüngferliche Schwester Auguste mit schön aufgetakelter Zickigkeit gibt. <BR><BR>Dazu Lisa Wagner als Wilhelms Braut Ida: von bezwingender Schlichtheit und anmutiger Bestimmtheit, die Inkarnation aufrichtiger Liebe; man hat nie das Gefühl, dass die junge Darstellerin "spielen" würde, und doch "ist" sie ganz und gar diese Figur. <BR><BR>Und das alles in einem Bühnenbild, das Roland Gassmann als die große Diele eines Einfamilienhauses entworfen hat; sparsamst eingerichtet; dominiert von einer Treppe, einem mageren Christbaum und den witzig unrealistisch an die hohen Wände gesteckten Tannenzweigen.<BR><BR>In dieser Aufführung ist niemand alleine gut. Langhoffs große Leistung liegt im Ensemblespiel, in seiner feinen, die Figuren nie verratenden Ironie, in der Verknüpfung jedes mit jedem. Und in der tiefen Kenntnis des Familienlebens. <BR><BR>Mag man hier auch einwenden, ein Tschechow wäre für dieses Haus wohl wichtiger als dieser Hauptmann, so muss doch aber eines zugestanden sein: Bei diesem Weihnachts-Hickhack wird manch ein Zuschauer mitunter gedacht haben: 1890? So viel hat sich bis heute doch gar nicht geändert. Nach spannenden zwei Stunden großer Beifall für ein großartiges Ensemble.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Marionetten der Macht im Volkstheater
Der indische Regisseur Sankar Venkateswaran entwickelte fürs Münchner Volkstheater das Stück „Indika“. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Marionetten der Macht im Volkstheater
Schon der kleine Tim wusste, dass Bendzko eines Tages singen wird
Er ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Sänger – jetzt spielt Tim Bendzko in München. Wir trafen den 32-Jährigen vor seinem Konzert in der Olympiahalle zum …
Schon der kleine Tim wusste, dass Bendzko eines Tages singen wird
Puppetry Slam Festival von 20. bis 22. Juni 2017 im Pressehaus
Vier virtuose Puppenspielende - ein großes Spektakel: Münchner Merkur und tz veranstalten im Pressehaus das erste Puppetry Slam Festival Deutschlands.
Puppetry Slam Festival von 20. bis 22. Juni 2017 im Pressehaus
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik

Kommentare