Terry Winters' Werk in der Pinakothek der Moderne

Hinter den Linien brodelt’s

München - Münchens Pinakothek der Moderne zeigt Terry Winters’ druckgrafisches Werk aus 15 Jahren.

Ein bisschen fühlt man sich an den Mathematik-Unterricht in der Schule erinnert: Wurden da nicht immer Koordinatensysteme gezeichnet, wo dann durch festgelegte Punkte Linien und Figuren definiert waren? Ganz so pedantisch-exakt geht es bei Terry Winters zum Glück nicht zu, aber Raster, Muster, Liniengitter sind doch die prägenden Formelemente in seinen Druckgrafiken.

Zu Gast in München: Terry Winters bei der Eröffnung.

Der Eindruck des Schematischen und Unpersönlichen, den die Werke des 1949 geborenen New Yorker Künstlers auf solche Weise evozieren, wird im gleichen Moment aber auch schon durchkreuzt: All diese Kreuzschraffuren, Zeilen, Punktsysteme, die seinen Blättern Halt zu geben scheinen, sind in Wirklichkeit nur fragile Gerüste, obsessive Ordnungsgesten, um das Anbranden formloser Eruptionen zu bannen. Denn hinter dem Linienraster brodelt’s. Da toben expressive Strichgewitter heran, flackern Farben auf und purzeln Symmetrien. Kein Wunder, dass auch die „Koordinatensysteme“ selbst unter diesem Ansturm erzittern, das merkt man an ihrer Unregelmäßigkeit, ihrem Pulsieren, an der hektischen Fahrigkeit der Schraffuren, die sie manchmal wie beiläufiges Gekritzel erscheinen lässt.

Und bei genauem Hinsehen entdeckt man, dass etwa auf einem Blatt wie „Phasescape“ (2006) die Rasterpunkte, die ohnehin schon aus ihrem pathetischen Marschtakt gekommen sind, auch selbst bereits von drolligem Geschnörkel in der Binnenzeichnung infiziert wurden. Ja, es sind dramatische innere Schlachten, die auf Winters’ Blättern geschlagen werden; und für Schlachtenbummler höherer Ordnung, also für Kunst-Connaisseure, die den exklusiven Sensationen der Grafik verfallen sind, lohnt sich ein Weg in die Münchner Pinakothek der Moderne insofern einmal mehr. Denn dort zeigt die Staatliche Graphische Sammlung die Ausstellung „Terry Winters. Das druckgraphische Werk 1999–2014“ – und kann auch noch einen schönen Zugewinn vermelden: Zwölf großformatige Drucke hat der Künstler der Sammlung geschenkt.

Manchmal meint man figurative Andeutungen auf Winters’ Blättern zu erkennen, eine Menschenmenge von oben, einen Kopf, zwei Gestalten. Dann wieder erinnern einzelne Motive an vergrößerte Naturformen, Pollen etwa, wie sie beim Blick durchs Mikroskop erscheinen – oder oft auch gleich an Molekülstrukturen. Aber nicht nur zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion balancieren Winters’ Werke, sondern auch zwischen Ornament und Ekstase: Kein harmonisches Gleichmaß artikuliert sich hier, sondern ein spannungsvolles Ringen der Entgrenzungsgebärde mit einem „objektiven“ Ordnungsprinzip.

Der Zug ins Dekorative, der vielen Druckgrafiken Winters’ eigen ist, stellt insofern keinen Mangel dar, sondern spiegelt die Banalität des anonymen Schematismus, gegen den der Künstler unermüdlich anzeichnet: Der gängigen Tendenz in der Gegenwartskunst, das Normative, Unpersönliche der Massen- und Warenwelt durch den Verzicht auf alles Gestische, Ausdruckshafte abzubilden, setzt der scheue Amerikaner sein Festhalten an subjektiven Gebärden mit fast utopischem Trotz entgegen.

Ausstellung

Bis 1. März, Barer Straße 40, tägl. außer Mo. 10-18 Uhr, Do. bis 20 Uhr; Telefon 089/ 23805 360.

Alexander Altmann

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