Diagnose da: So lange fehlt Müller fehlt den Bayern

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Auf Teufel komm raus

- In Salzburg ist der Teufel los. Während auf dem Domplatz Jedermann im letzten Moment bewahrt wird vor der Höllenfahrt und der Teufel unverrichteter Dinge wieder abziehen muss; während der großartige Peter Simonischek als reicher Prasser, alternder Liebhaber und reuiger Sünder alle seine Mitspieler, von der Buhlschaft der prächtigen Nina Hoss bis zu Norman Hackers plumpem Beelzebub, in den Schatten stellt - und das bei nachmittäglicher Sonnenglut; also während die Glocken läuten, die Stimme des Herrn erschallt und Satan nichts zu lachen hat, gibt's im gut gekühlten Landestheater viel Spaß.

Denn hier trumpft der Teufel nur in der Fantasie auf. Dafür aber umso mächtiger. "Höllenangst" von Johann Nestroy (1801-1862) war die erste Premiere der diesjährigen Salzburger Festspiele: eine gelungene und einhellig bejubelte Inszenierung zum Auftakt. Regisseur Martin Kusej wagte die kühne Gratwanderung zwischen Biedermeier und Moderne - und hatte, je länger das Spiel dauerte, umso mehr Erfolg damit.

Schon das aus drei blanken Holzwänden bestehende Einheitsbühnenbild sorgt mit seinen diversen Türen, Fenstern, Luken permanent für Überraschungen, für halsbrecherisches Fliehen über die Dächer der Stadt, für allerlei spektakuläre Auftritte. Damit verbunden: effektvolle Blitze und gewaltiges Donnern, Gewehrsalven und Pistolenschüsse, deren Mündungsfeuer zu Lachern werden. Bewaffnete Gendarmen, armselige Diener und finstre Gestalten queren die Bühne. Die Staatsgewalt ist überall. Und mittendrin der junge Wendelin.

Keine Arbeit, kein Geld und obendrein als Staatsfeind gesucht, weil er als Gefängniswärter dem Wohltäter Freiherr von Reichthal, dem politischen Gegner des Herrn von Stromberg, zur Flucht verholfen hat. In dieser aussichtslosen Lage will er den Pakt mit dem Teufel schließen, den er für einen zuverlässigen Geschäftspartner hält, um wie all die Reichen im Diesseits schon ein gutes Leben zu führen. Fürs Jenseits, so rät ihm sein wirtshausseliger Vater, der alte Schuster Pfrim, würden sie später mit einer Pilgerfahrt nach Rom vorsorgen.

Nestroy hat mit "Höllenangst" ein ganz und gar politisches und anspielungsreiches Stück geschrieben, eine volkstümliche Posse und scharfzüngige Satire zugleich: auf die gescheiterte 1848er Revolution, auf die verlorenen Freiheitshoffnungen, auf Korruption und Beamtentum, auf das Schicksal und die Weltordnung und, bei Kusej, auf die Vergeblichkeit der roten Fahnen. "Die Vorsehung", sagt Wendelin, "hat mit die Reichen, mit die Glücklichen zu viel zu tun, für die Armen bleibt ihr ka Zeit".

Statt Couplets kitschige Coolness

Das alles besitzt, trotz biedermeierlicher Kostümierung, durchaus etwas Zeitgenössisches. Als Tribut an die Gegenwart hat der Regisseur alle Nestroy-Couplets gestrichen und sich stattdessen von Bert Wrede ein paar soulige Songs schreiben lassen, hier in kitschiger Coolness dargeboten von Sänger Louie Austen, natürlich auf Englisch. Man kann es mögen, man kann es auch sein lassen, denn das ist für die Aufführung nicht wesentlich. In ihrem Mittelpunkt nämlich stehen, wie es sich gehört, zwei Schauspieler vom Feinsten. Und Martin Kusej gibt ihnen mit seiner Inszenierung alle Möglichkeiten zur Entfaltung.

Martin Schwab ist ein herrlich versoffener Pfrim. Wie er den ständigen Durst mit der, angesichts der Dukaten des Sohnes, plötzlich erwachten Vaterliebe vermischt, wie er auf einmal mit proletarischem Stolz den reichen Stromberg erpresst, wie er fast zu einer Hans-Moser-Figur wird, das ist voller Charme und wunderbarer Komik. Da steht dem Alten der junge Nicholas Ofczarek in nichts nach. Sein Wendelin: ein großer Junge, arglos, naiv, liebenswert und manchmal auch ein bisschen blöde. Dazwischen zitiert Ofczarek immer wieder ironisch die Posen des Hochdramtischen, das gewitzte Spiel mit dem Theatralischen. Die Komik liegt in Wendelins Tragödie des Seins: gestählt, wenn er den Teufel herbeiruft, erschrocken, wenn der, beziehungsweise jener, den er dafür hält, tatsächlich kommt, gepeinigt von der Seelennot und -qual, die ihn mit dem vermeintlichen Pakt befällt.

Ofczarek treibt seinen Wendelin an die existenzielle Grenze zwischen Himmel und Hölle, zwischen Sein und Nichtsein, Not und Gebot. Und über allem liegt die Höllenangst, die am Ende nur - welch schönes Idyll - Rosalies Liebe lindern kann. Zum Schluss ein Lachen glückseliger Verklärung - und schon ist Nicholas Ofczarek schauspielerisch Peter Simonischek und seinem Jedermann ganz nah. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn diese "Höllenangst" nicht zum Renner der Salzburger Schauspiel-Saison würde.

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