Am Teufelsmoor

- Tief ziehen die Wolken unterm Blau des Himmels über den düsteren Moorboden, herbstlich leuchtet das Laub. Zuweilen ein paar Torfhütten mit ihren langgezogenen alten Schilfdächern, ganz selten mal ein einzelner Mensch auf wässrigen Wegen unterm kahlen Geäst oder ein einsam daliegendes, bescheidenes Haus.

So malten Carl Vinnen, Hans am Ende, Otto Modersohn und Fritz Overbeck in den Jahren um 1900 die Landschaft südlich vom Teufelsmoor, nördlich von Bremen, beim Dorf Worpswede und beim 51 Meter hohen Weyersberg.

Nach seinem Düsseldorfer und Münchner Akademiestudium war Fritz Mackensen zusammen mit Modersohn, gefolgt von Hans am Ende und Otto Ubbelohde, 1889 nach Worpswede gezogen. Nach dem Vorbild des französischen Barbizon bildete sich hier eine Künstlerkolonie von Freilichtmalern, wie es sie in Dachau bereits seit der Jahrhundertmitte gab.

Folgerichtig ist jetzt in der Dachauer Gemäldegalerie das 1997 in einem Anbau des Worpsweder Modersohn-Hauses installierte Privatmuseum der Sammlung Bernhard Kaufmann mit einer  Gemälden der ersten Worpswede-Generation zu Gast. Die Auflösung dieses Kreises von Einzelgängern begann bereits 1907 nach dem frühen Tod Paula Beckers und dem Weggang ihres Ehemannes Otto Modersohn. Overbeck war 1905 weggezogen.

Durch den Verkauf seiner Niederländer Sammlung gewann der Berliner Kunstpostkarten-Verleger Bernhard Kaufmann (1896-1980) die Mittel für seine bis 1998 im Kunsthaus Stade zugänglich gewesenen Worpsweder Bilder. Sie zu sammeln und sich 1949 am Ort ihrer Entstehung anzusiedeln, verdankte er den vermittelnden Anstößen Fritz Mackensens.

So manche Hauptwerke zumal Paula Beckers mögen bald bereits unerreichbar oder zu teuer gewesen sein. Umso mehr Interesse finden jetzt die teils skizzenhaften, in programmatischer Undeutlichkeit gehaltenen kleineren Formate, die nach Paula Beckers beiden Paris-Aufenthalten erneut in Worpswede entstanden: eine Birkenallee oder ein einzelner Baumstamm im Moor, ein Mädchen im weißen Kleid, Kinder in der Abendsonne, eine Bäuerin mit Kopftuch, Torfstecher(innen). Zur beseelten Ganzheit strebte sie bei jedem Gegenstand. "Die Bäume wissen schon, was sich bereitet,/ die Felder schlafen ganz getröstet ein,/ die nahen Himmel haben sich geweitet,/ damit die Erde Raum hat, groß zu sein." So schrieb ihr Rainer Maria Rilke in einem Gedicht auf die Worpsweder Abendstimmungen.

Voller Klarheit und in hellen Rhythmen beschrieb Otto Modersohn einen "Herbstmorgen am Moorkanal" (1895) und stürmische Tage im Teufelsmoor. Das Unheimliche und Bedrohliche, alles Düstere und Unvollkommene überspielte Heinrich Vogeler mit seiner frühlingshaft jugendstiligen Heiterkeit. Seine poetisch stilisierte Malerei und Grafik war Teil seiner programmatischen Ideen eines Gesamtkunstwerks. Noch in Worpswede mündete das bei ihm in einen utopischen Sozialismus.\-\x0c

K Bis 4. Februar 07, Di.-Fr. 11-17 Uhr, samstags, sonntags und an Feiertagen 13-17 Uhr; Tel. 08131/56 75 14

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