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Die Frage nach der Verantwortung: Auch die Wissenschaftlerin (Kate Duchêne) muss sich ihr stellen.

Salzburger Festspiele

"The Forbidden Zone": Frauen für den Frieden

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Salzburg - „The Forbidden Zone“: Katie Mitchells Projekt zum Ersten Weltkrieg wurde auf der Perner-Insel in Hallein uraufgeführt.

Was für Frauen! Sie sind fast vergessen – trotz ihrer Hellsichtigkeit, ihrer Empathie, ihres Protests. Jetzt stehen Mary Borden, Clara und Claire Haber im Zentrum der zweiten Schauspielpremiere der Salzburger Festspiele. Katie Mitchell blickt mit diesen historischen Figuren auf den Ersten Weltkrieg und inszenierte einen kraftvollen, klugen, berührenden Abend. „Seht ihn euch an, diesen Mann! Seht hin! Denn er wird sterben“, heißt es gleich zu Beginn von „The Forbidden Zone“, während wir beobachten, wie ein Rekrut für die Front vermessen wird. Seht hin! Borden schrieb diese eindringlichen, angesichts aktueller Kriege noch immer unter die Haut gehenden Zeilen. Diese Autorin ist es wert, neu entdeckt zu werden. Als Lazarettschwester arbeitete sie im Ersten Weltkrieg; der Titel des Salzburger Abends ist ihrer Sammlung autobiografischer Texte aus jener Zeit entlehnt.

„The Forbidden Zone“, eine Koproduktion der Festspiele mit der Berliner Schaubühne, wurde in der alten Fabrikhalle auf der Perner-Insel in Hallein uraufgeführt. Die Inszenierung vereint die Kunst und Technik des Kinos mit der Authentizität und Unmittelbarkeit des Theaters: Auf der breiten Bühne sind mehrere Kulissen (etwa eine U-Bahn, ein Labor, eine öffentliche Bedürfnisanstalt) neben- und hintereinander aufgebaut. Was hier gespielt wird, übertragen die Kameras, und das Publikum sieht den im Augenblick entstehenden Film auf einer großen Leinwand.

Mitchell und ihr Team verstehen jedoch die Technik nie als Selbstzweck, sondern nutzen geschickt die Vorteile: Die Schauspieler stehen nicht – wie sonst im Theater – unter dem Druck, so zu agieren, dass sie auch im hinteren Drittel des Zuschauerraums wahrgenommen werden. Die Kamera fängt schließlich kleinste Regungen des Gesichts, des Körpers ein; was von den Darstellern freilich gewissenhafte Präzision verlangt. Zudem erlauben Schnitttechnik und Überblendungen den nahtlosen Wechsel von Räumen und Zeitebenen. Das wiederum gibt der Dramaturgie eine rauschende Dynamik, die sonst auf der Bühne nicht erreicht werden kann.

Einige Künstler, vor allem aus dem angelsächsischen Raum, loten seit geraumer Zeit aus, wie sich mit dieser Melange aus Film und Theater Geschichten erzählen lassen. So war im Juni an den Münchner Kammerspielen der Krimi „Helen Lawrence“ von Stan Douglas zu sehen. Mitchell selbst hatte das Prinzip unter anderem bei ihrer Operninszenierung von Luigi Nonos „Al gran sole“ angewandt, ebenfalls für die Salzburger Festspiele. Aber die Kamera – und das darf nicht vergessen werden – entmündigt den Zuschauer auch, lenkt seinen Blick auf das, was die Regie für beachtenswert hält, während er ihn sonst frei über das Geschehen streifen lassen kann. Dieser Einwand ist bei „The Forbidden Zone“ indes obsolet. Wer die knapp neunzig Minuten erlebt hat, kann sich keine andere Erzählform vorstellen; zumal Kameramänner und Techniker ohne zu stören ihrer Arbeit nachgehen.

Mitchells Inszenierung berichtet auch von Fritz Haber, Claras Mann und Claires Großvater. Er war jüdischer Chemiker und erfand das im Ersten Weltkrieg verwendete Giftgas, das später zu Zyklon B weiterentwickelt und in den Konzentrationslagern eingesetzt wurde. Seine Frau Clara, humanistisch gebildet und weitblickend, appellierte vergeblich an seine Verantwortung – und nahm sich schließlich das Leben. Habers Enkelin Claire konnte sich vor den Nazis in die USA retten, wo sie Anfang der 50er-Jahre in einem Labor an Gegenmitteln für Gasangriffe forschte. Bis auch sie sich umbrachte.

Aus Claires Sicht, die sich an ihre Großmutter erinnert, beleuchtet Mitchell die Frage nach Verantwortung. Der britische Autor Duncan Macmillan, Jahrgang 1980, hat für sein Skript Originalzitate (neben Borden etwa von Virginia Woolf, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir) geschickt mit fiktiven Dialogen verwoben. Denn natürlich sind nicht alle Szenen historisch verbürgt. Doch Mitchell ist es geglückt, einen Erzählstrang herauszuarbeiten, der plausibel, spannend und erhellend ist. Inszenierungskniffe des Kinos helfen zudem beim Verweben der Geschichten – so erkennen wir etwa ganz zuletzt, dass der Zeitungsausschnitt, den Claire bei sich trug, die Meldung vom Selbstmord ihrer Oma ist.

Die beiden Frauen sahen für sich einzig den Suizid als Ausweg aus der schuldhaften Verstrickung ihrer Familie in das industrielle Schlachten, das 1914 seinen Anfang nahm. Dennoch findet Mitchell am Ende ihrer Inszenierung ein tröstendes Bild: Die Kamera zeigt den alten leeren U-Bahn-Waggon, in dem Claire stets zur Arbeit gefahren ist. Flackernd springen die Neonlichter an, scheppernd rollt das ramponierte Gefährt zur ersten Fahrt eines neuen Tages. Es muss schließlich weitergehen. Auch für die Menschheit. Jubel, Getrampel.

Von Michael Schleicher

Weitere Vorstellungen am 2., 3., 5., 7., 9. und 10. August; 0043/ 662/ 8045-500.

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