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„The French Dispatch“ – ein erlesenes Filmvergnügen

  • Michael Schleicher
    VonMichael Schleicher
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„The French Dispatch“ heißt die wunderbar schräge Komödie von US-Regisseur Wes Anderson, die jetzt ins Kino kommt. Stars wie Bill Murray, Léa Seydoux, Tilda Swinton, Adrien Brody und Timothée Chalamet spielen mit. Unsere Filmkritik:

Um hier gleich ein massives Missverständnis aus dem Weg zu räumen: „The French Dispatch“, der neue Film von Wes Anderson, ist eigentlich gar kein Film. Der Regisseur hat mit dieser skurrilen Komödie vielmehr eine Zeitschrift auf die Leinwand gebracht; „The French Dispatch“ ist ein Magazin, in dem das Publikum lesen, blättern, sich an tollen Geschichten und wundervollen Bildern erfreuen kann – wie in jeder guten Zeitung, die’s am Kiosk gibt.

„The French Dispatch“: ein hinreißendes Ensemble

Wes Anderson und sein bestens aufgelegtes, hinreißendes Ensemble aus sehr vielen sehr prominenten Schauspielerinnen und Schauspielern feiern den Journalismus. Print lebt!

Im Zentrum dieser herrlichen Geschichte steht das titelgebende Heft, das ein in Frankreich produzierter Ableger der Zeitung „Liberty, Kansas Evening Sun“ ist. In der fiktiven französischen Stadt Ennui-sur-Blasé, was auf Deutsch in etwa so viel bedeutet wie „Langeweile an der Gleichgültigkeit“, hat der aus Kansas stammende Arthur Howitzer Jr. eine Auslandsredaktion seines Heimatblatts gegründet. Die Redaktion von „The French Dispatch“ schreibt über Kultur, Politik, Gesellschaft in Frankreich. Doch Howitzer stirbt – und hat im Testament verfügt, dass das Magazin mit ihm enden soll. Seine Redaktion hält auf der Trauerfeier Rückschau.

Der Gründer von „The French Dispatch“ und Vater der Journalistentruppe: Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray).

Anderson, der mit Filmen wie „Grand Budapest Hotel“ gezeigt hat, dass sein Stil nichts, aber auch gar nichts mit der Massenware aus Hollywood zu tun hat, nutzt die Rahmenhandlung, um „The French Dispatch“ dramaturgisch wie eine Zeitschrift aufzubauen: Nach dem Editorial führt er die Zuschauer durch die einzelnen Strecken seines Magazins. Zuerst steht da der Reisebericht des Radl-Reporters Herbsaint Sazerac, im Anschluss schildert Kunstredakteurin JKL Berensen die unglaubliche Karriere des Häftlings Moses Rosenthaler, der hinter Gittern zum Malerfürsten avanciert – und seine Gefängnisschließerin zum Aktmodell. Im Politikteil schreibt Lucinda Krementz über die Revolte der französischen Studenten – unter sehr besonders intensiver Würdigung von deren Anführer. Und zum Ausklang des Hefts schließlich liefert Polizeireporter Roebuck Wright eine vogelwilde Küchen- und Kriminalstory. Bunt, witzig, überraschend, ungewöhnlich ist Andersons Mischung – eben ganz so, wie wir es von einem gut gemachten Magazin erwarten dürfen.

„The French Dispatch“: Wechsel aus Farbe und Schwarz-Weiß

Da sich in jedem Heft die Beiträge unterscheiden, findet auch der Regisseur unterschiedliche Stile, um seine Episoden in Szene zu setzen. Der geschickte Wechsel zwischen Farbe und Schwarz-Weiß ist dabei der augenfälligste. Getragen werden die einzelnen Geschichten indes von ihren Protagonisten. Unmöglich ist’s, alle zu würdigen. In der stärksten Reportage, „The concrete Masterpiece“, gibt Tilda Swinton zum Niederknien komisch eine spaßbefreite, eingebildete Kunstredakteurin, während Benicio del Toro als wortkarger Malerfürst im Knast allein körperlich eine Wucht ist. Und Léa Seydoux, die derzeit auch in „James Bond: Keine Zeit zu sterben“ im Kino zu sehen ist, hat als Wärterin die Hosen an – selbst, wenn sie nichts trägt. Außerdem spielt Seydoux aktuell in „Die Geschichte meiner Frau“ mit. Köstlich ist zudem, wie Frances McDormand ihre Politjournalistin Lucinda Krementz einen zweiten Frühling erleben lässt – und im Zusammenspiel mit Timothée Chalamet als Studentenrebell zerbrechliche Momente kreiert. Zusammengehalten wird das Blatt aus mehr als 20 Köpfen von Bill Murray, der den kauzigen, liebenswert-strengen (Weinen verboten!) und engagierten Chef Howitzer spielt. So glückt ihnen allen gemeinsam ein wirklich erlesenes Filmvergnügen.

Rubriklistenbild: © 20th century Fox Film

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