Oper am Beckenrand: Szene aus „The Turn of the Screw“.

Inszenierung im Müller'schen Volksbad

Berauschendes im Badehaus

München - Andreas Wiedermanns Inszenierung der Oper "The Turn of the Screw" von Benjamin Britten nutzt geschickt das Müller’sche Volksbad.

Der Schalter ist kaum als Theaterkasse zu identifizieren, stattdessen erhält man Informationen zum Badebetrieb des Müller’schen Volksbades. Allerdings erinnert der Jugendstilbau mit seinem prächtigen Dekor eher an ein Opern- denn ein Badehaus. Seine Erschließung durch die Opera Incognita ist genauso musiktheatralische „terra incognita“ wie in weiten Teilen auch Benjamin Brittens Werk. Dass man anlässlich seines 100. Geburtstages die 1954 uraufgeführte Oper „The Turn of the Screw“ aus den Untiefen des musikhistorischen Ozeans hob ist ebenso erfreulich, wie Art und Ort der Inszenierung berauschend sind.

Im Libretto nach einer Novelle von Henry James sorgt sich eine junge Gouvernante um ihre zwei Zöglinge. Flora und Miles werden von einstigen, nun toten Bediensteten ihres Vormunds in grauen- und wahnhafte Tiefen gelockt. Schein und Sein, Realität und Phantasmagorie verschwimmen gleich der spiralförmigen Umdrehung einer Schiffsschraube. Fast wundert man sich, dass die schwingungsreichen Elemente Wasser und Musik nicht öfters eine Liaison eingehen: In beide will man eintauchen und auf dramaturgischer Ebene bietet Wasser ebenso mannigfache Deutungsmuster wie der Raum in und um das ehemalige Müller’sche Damenbecken. Ein Schlaraffenland für experimentierfreudige Regisseure wie der Besuch eines Wellenbades für wilde Buben.

Andreas Wiedermann ist einer von ihnen und nutzt die liquiden Inszenierungsmöglichkeiten: Wellenbrechende Lichtspiele und Projektionen spiegeln Brittens makabre bis heitere Klangquellen, das Gurgeln des Wassers wird zum dramaturgischen Element und zum Symbol für die Untiefen der menschlichen Psyche. Der zum Überschwappen neigende Wahn des Sujets findet in der schwülen Atmosphäre des Bades ein perfektes Ambiente.

Natürlich hallt die Akustik, die Bühne ist schließlich eine Schwimmhalle, aber im Dialog klingender und fließender Wellen gewinnt das musikalische Erlebnis an Resonanz und Schwingung. Klug umschifft Ernst Bartmann mit dem Orchester die akustischen Untiefen des Raums, der auch den Sängern alles abverlangt: Trotz rutschiger Parcoursläufe und ausdauernder Schwimmeinlagen passieren die Akteure Brittens komplexe Klangklippen sicher. Das junge Darstellerensemble ist schauspielerisch hinreißend und gesanglich mehr als vielversprechend. Diese Schwimmbad-Inszenierung ist wie ein Sprungbrett für Sänger wie den jungen Tenor Bonko Karadjov.

Musik und ihre Darbietung sind hier nicht unverrückbar, sondern fließend wie Benjamin Brittens faszinierende Klangkulisse, die weit über avantgardistische Zirkel hinaus begeistert. So reagierte auch das bunt gemischte Münchner Premierenpublikum, das sich wie die Sardinen im begrenzten Raum um das Becken drängt. Umkleidekabinen werden zu Logen umfunktioniert und gleichermaßen zu Elementen der Kulisse. Das Auditorium riecht, sieht, hört und spürt aus nächster Nähe ein multisinnliches Opernerlebnis, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte!

Weitere Vorstellungen

am 4., 5., 6., 8.,10. sowie am 11. September;

Telefon 0151/ 15 80 90 91.

von Anna Schürmer

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