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Was für ein Theater

München - Blutende Wunden, verbrannte Bücher, eine verregnete Hinrichtung. Für „In Agonie“ steht das Münchner Residenztheater Kopf. Möglich machen den sechsstündigen Theatermarathon 16 Schauspieler, 15 Statisten, unzählige Mitarbeiter hinter der Bühne. Und Linseneintopf.

20 Uhr, der tote Soldat hat Feierabend. Er sitzt an einem Tisch in der Kantine des Residenztheaters und löffelt Linseneintopf mit Würstl. An seiner Schläfe glänzt eine tiefrote Wunde, das Haar ist zerzaust, die Jacke voller Schlamm. Mit leichenblassen Händen kratzt er die Reste des Eintopfs aus dem Teller, legt den Löffel weg und lehnt sich zurück.

Der tote Soldat liegt mit acht anderen Männern als Statist auf dem Schlachtfeld der Trilogie „In Agonie“, die momentan im Münchner Residenztheater läuft. Drei Texte des kroatischen Autors Miroslav Krleža am Stück, menschliche Dramen und Familienfehden vor, im und nach dem Ersten Weltkrieg: insgesamt sechs Stunden, zwei Pausen. Da braucht der Zuschauer Sitzfleisch. Und der Statist Linseneintopf mit Würstl.

„In Agonie“, inszeniert von Intendant Martin Kušej, ist nicht nur auf der Bühne eine außergewöhnliche Produktion, sondern vor allem dahinter. Zwischen den drei Teilen „Die Glembays“, „Galizien“ und „In Agonie“ muss das Bühnenbild umgebaut, Kunstblut verteilt und wieder abgewaschen, jeder Schauspieler und Statist geschminkt und wieder abgeschminkt werden – sowie Regen gemacht werden. Eine Herausforderung für das ganze Theater.

Der Marathon beginnt kurz vor 16 Uhr. Gleich hebt sich der „Eiserne Vorhang“ – er ist wirklich aus Eisen und trennt bei einem Brand den Zuschauerraum von der Bühne. „Ich darf zum Auftritt bitten, Herr Eckes bitte“, sagt Inspizient Wolfgang Strauß durch sein Mikro. Der Aufruf ist außer für die Zuschauer überall im Haus zu hören: in der Maske, im Büro des Chefdramaturgen, in der Kantine. Gunther Eckes, er spielt im ersten Stück einen aus dem Glembay-Clan, humpelt herbei. Damit das möglichst realistisch aussieht, trägt er eine Schiene, die sein Bein versteift. Noch einmal tief durchatmen, dann geht’s am Gehstock auf die Bühne.

Ein Stockwerk höher sitzt Statist Christian Zach in der Maske. Er spielt einen der Soldaten. Die Maskenbildnerin macht ihn mit Clownweiß und viel Blut an Kopf, Hals und Armen zur Leiche. Eine Dreiviertelstunde muss er im zweiten Stück auf der Bühne liegen – regungslos. „Man weiß nie, wie man zum Liegen kommt und dann wird einem irgendwann alles taub“, erzählt er. Außerdem müsse er höllisch aufpassen, dass er nicht einschlafe. „Eine Leiche sieht eben nicht aus wie ein Schlafender.“ Wie einer, der ein Nickerchen gebrauchen könnte, kommt hingegen Norman Hacker daher. Der Schauspieler sitzt eine Tür weiter, gerade hat ihm eine Maskenbildnerin bläuliche Augenringe gemalt. Jetzt verwuschelt sie mit Gel sein Haar. Er soll als Oberstleutnant Walter so richtig fertig und fies aussehen, „abgestumpft nach monatelangen Kämpfen“, sagt Hacker. Während die junge Frau das Gel einmassiert, schließt er die Augen und sagt: „Maske ist Sozialraum. Und Maske ist Wellness.“

Entspannen kann sich momentan auch Fred Wulf. Der Theaterobermeister sitzt in seinem Büro und wartet. Er ist an diesem Abend als Bühnenmeister für die gesamte Technik verantwortlich. „Im ersten Teil passiert für uns erst einmal nichts“, sagt er und tippt im Ablaufplan auf 17.30 Uhr. Da wird es für ihn und seine gut 20 Leute richtig rund gehen – die Bühne wird für den zweiten Teil umgebaut. Sessel, Sofas, Tische, Teppiche kommen weg, die rote Wandbespannung ab, Mitarbeiter und Statisten verteilen 2500 angekokelt aussehende Bücher mit Schneeschaufeln auf dem Boden. „Beim ersten Versuch haben wir 45 Minuten dafür gebraucht – der Chef ist ausgeflippt“, sagt Wulf und lacht. Inzwischen braucht sich Kušej nicht mehr aufzuregen, für das „Galizien“-Bühnenbild brauchen die Männer nur noch 25 Minuten. Und auch die „Regenaktion“, wie Wulf den gut zwanzigminütigen Schauer nennt, der in einer grausigen Hinrichtungsszene auf die Schauspieler niedergeht, klappt dank Sprinkleranlage und ausgelegten Planen inzwischen reibungslos – in Wien, wo die Trilogie bereits im Mai gezeigt wurde, stand nach der Szene jedes Mal ein Großteil des Bühnenbereichs unter Wasser.

Gut zwanzig Minuten später wird es hektisch. Manfred Zapatka, der als Oberhaupt der Glembay-Familie gerade umgebracht wurde, schlurft noch in Bademantel und Birkenstocks von der Bühne, da reißen Wulfs Männer schon die Szenerie um. Soldaten-Leichen schleppen Möbel oder werfen Bücher umher, Akkuschrauber surren, Wände schweben hinauf und wieder herab. Ganz zum Schluss bespritzt ein Maskenbildner mit dem Ruf „Jetzt kommt das Schönste des Abends!“ eine am Boden sitzende Statistin noch mit Blut – dann beginnt „Galizien“. Und Manfred Zapatka verliert sein Haupthaar.

Kaugummi-kauend sitzt er in der Maske und lässt sich eine Gummiglatze über den Kopf ziehen. Während die Maskenbildnerin die Ränder mit Kleber befestigt, dessen Geruch sich in die Nase frisst, schaut Gunther Eckes – gerade abgeschminkt – die aktuellen Fußballergebnisse auf seinem Handy nach. „Werder – Nürnberg, 3:3.“ „Na das geht ja noch“, sagt der in Bremen geborene Zapatka und drückt die Ränder seiner Glatze mit einem Tuch fest. Gleich muss er wieder hinunter, als Brigadier Oberst Heinrich zu einem Bankett, das fast niemand lebend überstehen wird.

Nach dem Schlussapplaus: vielleicht noch einen Absacker (und einen Linseneintopf?) in der Kantine, um die Rollen abzuschütteln.

Feierabend eben.

Veronika Stangl

Nächste Vorstellungen

an diesem Samstag sowie am 1., 9. und 17. November; Karten an der Abendkasse sowie unter 089/ 21 85 19 40.

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