Theater als Aufklärung

- Er gehörte zu jenen Theatermachern, die die Fahne der 68er-Revolte nicht nur auf die Bühne, sondern auch in die Chefetagen der Theater trugen. Er praktizierte das Mitbestimmungsmodell so lange, bis es an der Realität zerbrach. Theater war für ihn jedenfalls immer auch ein Ort der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen. Am Samstag ist der Regisseur und Intendant Peter Palitzsch im Alter von 86 Jahren gestorben. Wie das Berliner Ensemble mitteilte, erlag er in Havelberg (Sachsen-Anhalt) einem Lungenversagen.

<P>Die Arbeiten des Brecht-Schülers Palitzsch waren vom Geist der Aufklärung und dem Glauben an eine Veränderbarkeit der Gesellschaft geprägt. Theater hatte in seinen Augen den "verdammten Auftrag", nicht nur zu unterhalten. In den letzten Lebensjahren meinte er indes, es gebe ein "Unvermögen des Theaters, an der Wirklichkeit teilzunehmen".</P><P>Seine Kunst stieß auf Widerstand, wie zum Beispiel am Staatstheater in Stuttgart, wo er die Politiker mit einer Travestie auf den US-Präsidenten Lyndon B. Johnson reizte und sich mit einem provozierenden "Hamlet" verabschiedete. Dennoch machte er dieses Theater von 1967 bis 1972 zu einer der bedeutendsten Bühnen des Landes, nicht zuletzt durch seine Deutungen von Shakespeares Königsdramen. Danach sorgte Palitzsch in Frankfurt am Main mit seinem Mitbestimmungsmodell für Furore, als er in einem Dreierdirektorium als Primus inter pares fungierte und als Entscheidungsgremium die Vollversammlung des Ensembles einsetzte.</P><P>Peter Palitzsch, der aus dem schlesischen Deutmannsdorf stammte, fing nach einer kaufmännischen Ausbildung in Dresden als Dramaturg an, bevor ihn Brecht 1948 ans neu gegründete Berliner Ensemble holte. In Partnerschaft mit dem späteren BE-Intendanten Manfred Wekwerth für eine Reihe legendärer Inszenierungen verantwortlich wie etwa für Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" (1959). Nach dem Mauerbau siedelte Palitzsch in den Westen über. Unter anderem inszenierte er auch einen heftig befehdeten "Othello" am Münchner Residenztheater mit Hans-Michael Rehberg in der Titelrolle, Michael Heltau als Jago und Barbara Sukowa als Desdemona.</P><P>1992 kehrte Palitzsch noch einmal ans BE zurück, wo er für kurze Zeit dem Leitungsteam mit Heiner Müller, Peter Zadek und Fritz Marquardt angehörte, dem aber kein Erfolg beschieden war. "Wir waren viel zu alt, um noch neugierig aufeinander zu sein", sagte Palitzsch später dazu.<BR></P>

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