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Intendantin Juliane Votteler.

In Augsburg

Bürger protestieren gegen Sanierung des maroden Theaters

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Augsburg - In Augsburg protestieren die Bürger gegen die Sanierung des maroden Hauses. Es ist ein bundesweit einzigartiger Fall - fast.

Dann eben in die Fußgängerzone, so wie an diesem Samstag. Stimmung machen und Argumente bringen gegen das Bürgerbegehren, das nicht nur die Theaterverantwortlichen erstaunt und entsetzt hat, sondern ein bundesweit (fast) einmaliger Fall ist. Seit vergangener Woche sammelt die „Initiative Kulturelle Stadtentwicklung Augsburg“ Unterschriften gegen etwas, das die Kommune im Sommer 2015 beschlossen hat und für das der Freistaat satte 107 Millionen Euro spendieren möchte: die Sanierung des völlig maroden Theaters.

Seitdem haben die Emotionen am Lech den Siedepunkt erreicht. Theaterintendantin Juliane Votteler hat zum Beispiel gerade die Zusammenarbeit mit dem „Literarischen Salon“ aufgekündigt, eine Veranstaltungsreihe im Foyer, die mitorganisiert wird von Buchhändler Kurt Idrizovic. Der ist einer der Protagnisten der Sanierungsgegner. Wer Votteler auf das Bürgerbegehren anspricht, öffnet ein Ventil. „Wutbürger“ ist noch ein harmloses Wort, das die Intendantin wählt, es fallen auch Begriffe wie „Querulantentum“, „egoistische Interessen“ und der Satz: „Da mandeln sich wenige auf und behaupten, sie sprechen für viele.“

Sanierung kommt klamme Stadt zu teuer

So ganz ist nicht klar, wogegen sich die Initiatoren des Bürgerbegehrens wenden. Zwei Vorwürfe hört man heraus: Die Sanierung komme die klamme Stadt zu teuer. Und außerdem sei man nicht in den Entscheidungs- und Informationsprozess eingebunden worden. „Erst nachdenken, dann bauen“, sagt Idrizovic und geißelt die „unfassbaren Kosten“. Keine belastbare Zahl gebe es. Überhaupt sei gar nicht klar, ob man ein Theater in solcher Ausstattung brauche. Idrizovic denkt etwa an eine Reduzierung der technischen Ausstattung, vielleicht auch an eine Verkleinerung des Bühnenturms.

Zahlen bestimmen die Debatte allerdings schon seit geraumer Zeit. Ursprünglich sollte die Renovierung des Großen Hauses inklusive Nebengebäude und -spielstätten über 230 Millionen Euro kosten. Nach erstem Erschrecken und Herunterrechnen – auch auf Betreiben des Freistaats – ist man nun bei 189 Millionen Euro angelangt. 107 davon würde das Land schultern, den Rest müsste die Stadt zahlen und dafür Kredite aufnehmen. Scheitert demnach die Sanierung (was allerdings keiner so recht glaubt), dann zieht der Freistaat sein großzügiges Angebot klarerweise zurück: Wenn’s die Augsburger nicht brauchen...

Nur überdeutlich erinnert das, was gerade in Augsburg los ist, an die Debatte um „Stuttgart 21“. Jahrzehntelang wurde in Baden-Württemberg der unterirdische Bahnhof diskutiert, es lagen immer wieder neue Zahlen und Pläne auf dem Tisch. Doch als es tatsächlich um die Realisierung ging, schreckte ein Teil der Bürger plötzlich auf und bemängelte fehlende Informationen. Das Ende ist bekannt: Der Bahnhof wird gebaut.

Theater und Stadt Augsburg werben seit Monaten für die Renovierung, dies mit einem Bürgerbeteiligungsprozess inklusive Diskussionsrunden, Hausführungen, Unterschriften- und Online-Aktion. Die Gegner stören sich unterdessen an der angeblichen Alternativlosigkeit der Sanierung. Wobei den Theaterleuten nicht viele Alternativen bleiben: Die Gebäude sind in einem unzumutbaren Zustand für die Beschäftigten, zudem ist das Theater derart marode, dass der TÜV oder die Baubehörde demnächst alles dicht machen könnte. Ein Fauxpas ist den Sanierungsbefürwortern hier freilich passiert, der Wasser ist auf die Mühlen ihrer Gegner. Ursprünglich sollte das Große Haus nämlich im Januar 2017 zumachen, jetzt ist auf einmal ein Spielbetrieb bis Sommer 2017 möglich – also alles gar nicht so schlimm, wie die Organisatoren des Bürgerbegehrens argwöhnen? Stadt und Theater betonen, Ende der Spielzeit 2016/17 sei endgültig Schicht im Schacht.

Debatte schlägt bundesweit Wellen

Die Augsburger Debatte, die von vielen mit Kopfschütteln verfolgt und unter „Neues aus Schilda“ verbucht wird, hat tatsächlich einen Vorläufer. Im Jahr 2003 gab es einen Bürgerentscheid in Gütersloh, gegen die Renovierung des dortigen Theaters (das im Unterschied zu Augsburg ein Gastspielbetrieb ist). Rund 18 000 stimmten dagegen, 5900 dafür. Für die Verantwortlichen ein Schlag ins Gesicht. Zwei Jahre wartete man ab, so lange war man ans Votum gebunden, dann wurde für die große Lösung geplant – am Ende hatten die Gütersloher ein neues Haus, das alte verlor den Kampf gegen die Abrissbirne.

In Augsburg ist solches auch diskutiert worden, doch steht dem der Denkmalschutz entgegen. Bundesweit hat die Debatte inzwischen Wellen geschlagen. Rolf Bolwin, Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, begreift sie als Ausdruck eines allgemeinen Problems: Derartige Bauvorhaben, ob Flughafen oder Elbphilharmonie, würden immer komplizierter, sodass „Überforderungen fast automatisch vorprogrammiert sind“. Außerdem seien so viele Stellen bei der öffentlichen Hand gekürzt worden, die Kommunen könnten deshalb ihre Aufgaben immer schwerer schultern. Drittens sei da die leidige europaweite Ausschreibung: „Manche Firmen geben Angebote ab, nur um ins Geschäft zu kommen – und sind dann nicht einmal geeignet.“

Bolwin kann sich nur wundern über die Augsburger. Juliane Votteler mache dort „großartiges Theater“. Da sei Bürgerstolz gefragt, keine Ablehnung. Die Intendantin will nun kämpfen, und dies Seit’ an Seit’ mit ihrem Nachfolger André Bücker, der zur Spielzeit 2017/18 kommt. „Wir hoffen auf die Vernunft“, sagt Votteler. Sie kündigt über die Aktion in der Fußgängerzone an diesem Samstag noch weitere Maßnahmen an. Nächste Woche will sie diese in einer Pressekonferenz vorstellen. Und sie ist sich sicher: „Wir sitzen am längeren Hebel, weil wir kreativ sind.“

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