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Ein Außenseiter, der eigentlich Nähe sucht: Otello (Zurab Zurabishvili) wird von den Zyprioten bedrängt.

PREMIERENKRITIK

„Otello“ in Augsburg: Aus der Matratzengruft

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Augsburg - Die Sanierung des Stammhauses zwingt das Ensemble des Augsburger Theaters gerade ins Exil. Für Verdis „Otello“ wanderte man in den „Kongress am Park“ aus. Dort gelang eine dichte, am Ende große Aufführung.

Sie hätte gehen können, der Koffer war gepackt. Und wahrscheinlich wäre sie die Erste gewesen, die diesem Macho-Staat entkommt. Die anderen Frauen, die sich verwundert, bewundernd, berührt vom nächtlichen Matratzenlager erheben, um Desdemonas „Ave Maria“ zu lauschen, hätten es ihr gegönnt. „Bitte für uns“ – dieses Flehen bekommt da eine ungeahnte, erschütternde Bedeutung. Doch dann Innehalten: Mitleid mit den ebenso Unterdrückten? Oder doch echte Liebe zum Ehemann? Desdemona kehrt jedenfalls zurück auf ihren Platz, eine Entscheidung, die – wir wissen es – tödlich für beide endet.

Auch wenn sich Giuseppe Verdis „Otello“ auf diese Tragödie zuspitzt: Über ein Doppel-Arioso für Desdemona mit Kitschgefahr und dem mühevollen Realismus von Mord und weinerlichem Schlussgesang des Titelhelden kommt der vierte Akt in vielen Aufführungen nicht heraus. Bei dieser Augsburger Premiere ist das anders. Das gesamte Drama der beiden stürzt auf die letzten 20 Minuten zu. Und wenn Cassio, hier kein jugendlicher Strahlemann, sondern ein Dauersäufer, Otello auch noch ein Messer vor die Füße wirft, wird eine soziale Dimension offenbar: Von diesem Jammerlappen soll sich der Feldherr seinen Rang streitig machen lassen?

Dabei war alles ja gar nicht so geplant. Mit Verdis vorletzter Oper beziehen die Augsburger, gerade von der Zwangssanierung des Stammhauses geplagt, ein erstes und einziges Mal den „Kongress am Park“. Der 1000-Plätze-Saal unweit des Zentrums atmet Siebzigerjahreschick. Sichtbeton, etwas Holz, viel Orange, ein Orgelmonster an der Rückwand, vor allem aber: kein Orchestergraben, keine Hinter- und Nebenbühne, kein Bühnenturm. Intendantin Juliane Votteler beschied daher in ihrer letzten Augsburger Saison: Kein Raum ist das für die ursprünglich geplante Märchenoper „Rusalka“, hier hilft nur ein starker Shakespeare, respektive sein späterer Vertoner.

Nie wird den Figuren ein Etikett angepappt

Sachzwänge, Improvisiertes, Engpässe im Doppelsinn – wie Regisseurin Michaela Dicu all dies nicht als Hemmnis begreift, sondern daraus eine enorm dichte, kluge Aufführung wachsen lässt, ist ein kleines Theaterwunder. Auf der Szenerie nur Matratzen, die mal zum Kreuz gestapelt werden, mal Steinplattenhaufen sein könnten (Ausstattung: Okarina Peter, Timo Dentler). Hinten ein schiefes Segel, das später transparent, sogar abgerissen wird und im Finale den Blick auf die Orgelpfeifen freigibt. Die Chordamen tragen Petticoat, Geblümtes, auch Brautschleier, die Herren Blouson, Otellos schwarze Uniform (nein, die Haut bleibt weiß) könnte auch das Kostüm eines gealterten Schlagerstars sein.

So einiges erfährt man an diesem Abend. Weniger über Etiketten, die den Figuren angepappt werden, sondern über eine Desdemona, die ihrem Partner Kontra gibt und seine Testosteron-Gockeleien anfangs belustigt abtut. Man erfährt auch von einem vereinsamten Otello, der körperliche Nähe sucht, seinen Kopf einmal in Jagos Schoß bettet. Und von einem angeblichen Bösewicht, der nichts anderes ist als eine Variante Otellos – wenn sich Jago einmal dessen Kostümjacke überzieht. Kleinen Fallstricken und Peinlichkeiten weicht Regisseurin Dicu souverän aus, einfach weil sie Text und Musik sehr genau gelesen hat.

Die Philharmoniker spielen wie klanglich befreit

Dass das Stück nur mit hervorragenden Sängern funktioniert, versteht sich von selbst. Augsburg hat sie. Zurab Zurabishvilli bringt als Otello sein Heldentenorgeschütz in Stellung. Die etwas grobmotorische Vokalität passt hervorragend zur Partie. Über die Desdemona ist Sally du Randt eigentlich hinaus. Nach kleinen Startschwierigkeiten glückt ihr aber die Studie einer selbstbewussten, versehrten Frau. Das sieht man nicht nur, das hört man auch dank der zartbitteren Nuancierungskünste. Antonio Yang, an seinem Nürnberger Stammhaus unter anderem als Alberich und Wotan gefeiert, ist ein Ausnahme-Jago. Die extremen Anforderungen scheinen ihm wenig auszumachen, im Gegenteil: Er nimmt das als Einladung zur Jonglage mit der Rolle. Und dies, obwohl er sich als krank entschuldigen ließ und das Haus zur Sicherheit Kollege Olafur Sigurdarson ins Orchester setzte.

Die Augsburger Philharmoniker nehmen das Zwangsexil als klangliche Befreiung. „Otello“ wird zum akustischen Härtetest für die Halle. Eine saftige, lustvoll ausgespielte Verdi-Symphonie, eruptiv, dunkel grundiert, manchmal auch zu knallig. Chefdirigent Domonkos Héja ist ganz Fels in der Brandung, koordiniert unerschütterlich, dreht auf, wo es sein darf, bleibt aber immer sängerdienlich und hält den hochpräzisen Chor auf Kurs. Eine der faszinierendsten Augsburger Produktionen der vergangenen Jahre. Was so alles aus Not geboren werden kann.

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