Theater der lebenden Schablonen - Händels "Tamerlano" an der Münchner Staatsoper

München - Den "Cäsar"-Dino hat wohl der Ex-Intendant als Andenken mitgenommen, die poetische "Orfeo"-Kneipe ist leider längst geschlossen, auch in der "Saul"-Kirche werden tragischerweise keine Beziehungskrisen mehr durchgestanden. In Peter Jonas` Ära brachte die Bayerische Staatsoper manchmal sogar zwei Barockpremieren pro Saison heraus. Und die Übermacht der schrillen Abende ´  la David Alden & Co. verdeckte dabei: Es gab auch andere, tiefgründigere Lösungen.

Phänomenale Sänger, museale Regie

Mit der Fortsetzung dieser Tradition ist das Haus allerdings gescheitert. Vorbei offenbar die Zeit, als hier Exklusivität gepflegt wurde. Pierre Audis Inszenierung von Georg Friedrich Händels "Tamerlano", die am Sonntag Premiere hatte, ist schon der dritte Aufguss dieser Produktion. Eilends eingekauft, um - so wahrscheinlich die Version des Direktoriums - das Planungsloch in intendantenloser Zeit zu stopfen.

Anno 2000, als Audi diese Tragödie in Drottningholm herausbrachte, mag sein Konzept funktioniert haben. Das Eingehen aufs barocke Schlosstheater mit seinen Wandelkulissen und der spitz zulaufenden Bühne, die zeremonielle Figurenführung, der fast völlige Verzicht auf Requisiten: In der Intimität Drottningholms, in diesem herrlichen Ambiente kann dies gewiss eine ganz eigene Bedeutung entfalten.

Nichts von dieser Wirkung indes im Nationaltheater, wo nach zwanzig Minuten Patrick Kinmonths nachgebaute Barock-Bühne kaum mehr interessiert und der Zuschauer angesichts des Opernmuseums in willenlosen Halbschlaf hinübergleitet.

Immerhin, Audi hat eine Idee. Arien und Rezitative werden von ihm szenisch überblendet. Personen, die also (noch) nichts zu singen haben, treten auf, schaffen einen stummen Kommentar zum gerade Verhandelten. Eine Situation, die regelmäßig im wiederholten Arienteil eintritt, eine zusätzliche Dimension aber eigentlich nur behauptet - und sich bald als Masche entlarvt. Nach der Pause darf sich die Bühne dann tatsächlich wandeln: Wolkenprospekte fahren hernieder, später wird der Blick auf eine hölzerne Rückwand (ebenfalls Drottningholm entlehnt) freigegeben. Bajazet stirbt halbnackt als "Ecce homo"-Zitat auf dem einzigen Stuhl, während das übrige Personal im kalten Seitenlicht erstarrt. Dass hier die Laune eines Herrschers die Figuren in existenzielle Nöte treibt, geht in Audis Schreit- und Stehtheater der lebenden Schablonen verloren. Und den Gedanken, was mit diesen phänomenalen Solisten in einer Christof-Loy-Regie passiert wäre, wischt man aus Frustrationsgründen am besten gleich beiseite.

Münchens "Tamerlano" demonstriert immerhin, welche stilistische Ausprägungen im Barockgesang möglich sind. Sarah Fox (Asteria) zum Beispiel singt wie auf Darmsaiten. Mit einem scharf umrissenen, instrumentalen und sehr aparten Sopranton, der mühelos ins große Haus projiziert werden kann. Weicher, biegsamer, delikater, mit einem gleichsam inneren Leuchten und bezauberndem Timbre gestaltet Mary-Ellen Nesi und macht Andronico damit fast zur Hauptperson.

David Daniels (Titelrolle) verlässt sich wie immer auf den derzeit wohl ausgeglichensten, vor allem sinnlichsten Counter-Klang überhaupt. Allerdings ist sein Koloraturen-Timing nicht optimal, auch kann sich seine Stimme nicht immer genügend Resonanz verschaffen - in anderen Stücken mögen seine Verführungskünste besser aufgehoben sein.

Maite Beaumont zeigt Irene als Frau, die sich von der Donna-Elvira-Furie zur wahrhaft Liebenden wandelt, bietet dabei die farbenreichste, vielschichtigste und interessanteste Vokalleistung der Aufführung. Eine Mezzosopranistin, der jeder Ausdruck, jeder Affekt mühelos und immer mit dem richtigen Quäntchen Dramatik gelingt. John Mark Ainsley (Bajazet) muss als Zausel mit Hexenschuss über die Bühne schlurfen, ist darstellerisch daher unterfordert und lässt seine Ausdrucksintelligenz in den Gesang fließen. Dass sich seine Stimme zum Charaktertenor wandelt, ist dabei nur ein Gewinn. Vito Priante (Leone) schließlich hätte man eine große Arie gegönnt: Ein derart kerniger, wiewohl beweglicher Bass findet sich im Barockfach derzeit kaum.

Dirigent Ivor Bolton bleibt Garant für einen impulsiven, lustvollen, manchmal auch zu lauten Händel. Mit größter Selbstverständlichkeit bewegt sich das Staatsorchester dank seiner Erziehungsarbeit in dieser Musik, spielt flexibel, ohne aufgesetzte Detailverweise. Und dennoch - ob eines der schwärzesten Stücke Händels nicht auch andere, härtere, dunklere Momente vertragen hätte? Einen anderen Sponsor als jenen auf den neckischen Programmhefteinlegern zweifellos: "Tamerlano" in der Regie von Pierre Audi, das verlangt eher nach Red Bull.

Nächste Vorstellungen:

19., 24., 28.3. und 1.4.

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