Theater des Lebens

München - Die dunkle Seite des Lebens, das finstere Antlitz des Menschen waren Max Beckmann stets bewusst. Sein Schaffen erzählt von Anfang an außer von Schönheit und Lust von Not und Qual, Gewalt und Verbrechen. Was antike Tragödiendichter großartig in ihre Amphitheater setzten, wollte der deutsche Maler mit Wucht auf die Leinwand bannen: "Im Grunde handelt es sich immer um das Theater des Lebens und vielleicht um das, was dahinter ist", schreibt er 1947.

"Max Beckmann - Exil in Amsterdam" schildert ab heute, welch dunkle Seite der Künstler zusätzlich ertragen musste und wie er sie in einmalige Bilder verwandelte. Die grandiose Schau hat sich die Münchner Pinakothek der Moderne zum fünften Geburtstag geschenkt (Zusammenarbeit mit dem Van Gogh Museum, Amsterdam). Zugleich gedenkt sie des Jahrestags der Terror-Schau "Entartete Kunst", die am 19. Juli vor 70 Jahren in den Galerieräumen am Münchner Hofgarten eröffnet wurde. Nachdem Beckmann Hitlers Hetze gegen die moderne Kunst im Radio gehört hatte, entschloss er sich, sofort ins Exil zu gehen. Zehn Jahre blieb er in Amsterdam, bevor er 1947 in die USA ausreiste, wo er in St. Louis und New York lehrte. Nach Deutschland kehrte er bis zu seinem Tod 1950 nicht zurück.

Beckmann, 1884 in Leipzig geboren, war zu Beginn der 30er-Jahre ein hochangesehener Künstler. Er hatte kommerziellen sowie gesellschaftlichen Erfolg und eine Professur in Frankfurt. Schon 1933 wurden die Diffamierungen durch die Nazis - "Judenknecht", "Kunst im Dienste der Zersetzung" - zum Trommelfeuer, wie Beckmann-Expertin Carla Schulz-Hoffmann (Bayerische Staatsgemäldesammlungen) nachdrücklich schildert. Die Werke wurden wie die anderer "Entarteter" auch aus den Museen entfernt; es gab Ausstellungsverbote; eine gerade eröffnete Schau wurde auf Geheiß Hitlers abgebrochen.

Diesen existenziellen Druck leitete Max Beckmann in eine staunenswerte Schöpferkraft um. Was sie an Kunst hervorbrachte, wird die Präsentation "Exil in Amsterdam" zu einem Kassenknüller machen. Denn einerseits sind die Gemälde keine trübseligen Selbstbeweinungen, sondern vital und faszinierend - hinreißendes Theater eben ­, andererseits wird man eine derartige Exposition nicht mehr zu sehen bekommen. Um alle Amsterdam-Leihgaben zu erhalten, war eine riesige Anstrengung nötig, musste Schulz-Hoffmann gerade auch in Übersee intensivst Seelenmassage betreiben. Ihrem Ruf und dem der Staatsgemäldesammlungen ist es zu verdanken, dass Museen Werke abgegeben haben, die für sie eigentlich unverzichtbar sind. Um die Kollegen sozusagen nicht "nackt" dastehen zu lassen, hat die Pinakothek der Moderne im Gegenzug Beckmann-Gemälde aus dem eigenen umfangreichen Bestand (weltweit der zweitgrößte) verliehen. Durch diese Rochaden kamen von den fünf imposanten Triptychen aus Beckmanns Amsterdamer Zeit vier nach München.

Das letzte "deutsche" Triptychon "Versuchung", das in bayerischem Besitz ist, markiert den Auftakt der Ausstellung. Dazugehängt hat Schulz-Hoffmann "Geburt" und "Tod". Fulminante Kompositionen, die den Betrachter in spannende, oft rätselhafte Geschichten hineinziehen. Raffiniert bei der recht realistischen "Geburt" ist, wie Mutter und Hebamme mit Neugeborenem optisch ein Kreuz bilden - quasi Heiligabend und Kreuzigung in Einem angedeutet werden. Eine Gevatter-Tod-Figur ist ganz in den Hintergrund gedrängt. Der "Tod" erscheint hingegen, trotz Sarg, mit auf dem Kopf stehenden Chorsängern, Monstern, Engelsteufelchen, Lichtträgerin und zärtlichem Fisch als tolle Phantasmagorie.

Überhaupt kann der Besucher sich in der Ausstellung eigentlich nur von Bild zu Bild schwärmen. Ein Leitfaden für die Präsentation, wie übrigens für das gesamte Beckmann'sche Œuvre, ist das Selbstbildnis. Da ist der Mann, der die Ketten sprengt, der Dandy, der gern in Bars weilt, der Kraftprotz im Ringelhemd, der - zur Warnung vielleicht - ins Horn stoßen will. Andere Leitmotive sind Schwert, Käfig, Spiegel, Maske, Vogel/Fisch, Zirkusleute, König, Soldat, Schauspieler. Auch wenn Frauen oft als Verlockung oder Opfer dargestellt werden, gibt ihnen Beckmann immer eine unantastbare Würde. Sie erscheinen als Konstanten, die den Fluss des Lebens trotz allem garantieren.

In dem Triptychon "Karneval" von 1942/43 bilden sie mit je einem heiter kostümierten Mann - Akrobat, Weißclown, Harlekin - ein Paar. Die Fröhlichkeit kontrastiert Beckmann mit bedrohlichen Zeichen und Figuren: das gezückte Schwert, Gesichter mit toten Augenhöhlen, Flucht und Vogel-Wesen. Lesbar ist dieser "Dreiteiler" auch als Adam-und-Eva-Geschichte, womöglich als kurze Autobiografie. In Wahrheit aber fasst Max Beckmann das Menschsein in ewige Bilder - wie die alten Griechen auf dem Theater.

Bis 6. Januar 2008,

Tel. 089/ 23 80 53 60,

Katalog, Hatje Cantz: 39 Euro

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