Theater als politischer Ort

- Das hat - vermutlich seit Jahrzehnten - niemand mehr geschafft: nämlich gleichzeitig auf beiden Seiten der Münchner Maximilianstraße aufzutreten - am Residenztheater und an den Münchner Kammerspielen. Doch Christian Friedel (26) ist dieses Kunststück gelungen. Und da der junge Schauspieler noch ein paar Kunststücke mehr drauf hat, als diese indirekte Verbindung zweier sich nicht sonderlich wohlgesonnener Häuser herzustellen, wird dem Ex-Falckenbergschüler heuer der Förderpreis des Merkur-Theaterpreises verliehen.

"Mit dem Magdeburger Theaterbrand war meine ,Karriere’ erst einmal auf Eis gelegt."Christian Friedel

Im Residenztheater brüllte er in der Premiere von "Herzog Theodor von Gothland" als liebeskranker Gustav sein "Selma" in die Zuschauermenge - und nahm auf Anhieb damit Saal und Bühne quasi für sich in Besitz. Kurz darauf durfte er sich an den Kammerspielen in Wittenbrinks "Kein schöner Land" singend präsentieren - mit gleichfalls durchschlagendem Erfolg.Woran mag es liegen, dass die Intendanten Dieter Dorn, der Christian Friedel schließlich fest in sein Ensemble geholt hat, und Frank Baumbauer gleichermaßen Interesse an diesem Anfänger bekunden? Auf den ersten Blick scheint er durchaus nicht zu prunken mit den Glanz-Attributen eines jungen Liebhabers oder zweifelnden Helden. Aber hinter natürlicher Bescheidenheit und scheinbarer Unauffälligkeit werden schnell der wache Geist, eine nervige Offenheit, seine Ausschließlichkeit und Entschiedenheit sichtbar, die Hinweis geben, dass hier ein großes Talent heranreifen könnte. Hinzu kommt Friedels besondere Musikalität, die den Schauspieler zum jungen Sänger macht.Bis August 2006 ist Christian Friedel am Bayerischen Staatsschauspiel unter Vertrag. Wie es danach weitergeht? Noch würde er sich am liebsten alle Optionen offen halten, denn die Schauspielerei ist nicht seine einzige Leidenschaft: "Mein großer Traum ist es, mein Geld mit Musik zu verdienen. Ich hab' hier in München auch eine eigene Band. Wir wollen im Herbst mit öffentlichen Auftritten beginnen." Zugleich aber erscheint er sehr neugierig, was sich in den nächsten Monaten für ihn am Theater so alles ereignet. Im August zum Beispiel die Salzburger Festspiele, wo er an der Seite der Resi-Größen wie Sunnyi Melles und Lambert Hamel den Erich in den "Geschichten aus dem Wiener Wald" spielt. "Erst mal gucken", sagt er und, dass er Lust habe, "verschiedene Theaterstile auszuprobieren". Und vielleicht auch insgeheim seiner dritten Leidenschaft zu frönen, der Regie."Ein Luxus, einfach nur über die Straßenseite zu gehen", heute hier, morgen da zu spielen - dessen ist sich Christian Friedel sehr wohl bewusst. Ebenso, dass er der Falckenbergschule und hier insbesondere seinem Gesangsdozenten Mathias Heiling einen Großteil seines frühen Erfolges zu verdanken hat. Friedel: "Die Musikalität ist für Schauspieler enorm wichtig, denn Sprache hat doch ganz viel mit Rhythmus zu tun."Eigentlich hat Friedel nach dieser Erkenntnis schon als Kind gelebt. Gefühlsmäßig jedenfalls. Denn singen, sprechen, spielen - für ihn war das immer eine Einheit. Also war der Weg zur Bühne vorgezeichnet? Irgendwie ja, denn: "Ich wollte schon immer im Mittelpunkt stehen. Als Kind habe ich Puppentheater gespielt, in der ersten Klasse mich auf den Schulhof auf eine Bank gestellt und gesungen, in der zweiten dann in der Pionier-Theatergruppe mitgewirkt."Das kann also nur im Osten gewesen sein. In Magdeburg, wo Christian Friedel geboren und aufgewachsen ist. Kaum hatte er sich am dortigen Theater als Statist gemeldet, durfte er sofort kleine Rollen spielen, zum Beispiel den Sohn im "Volksfeind". Doch leider: "Kurz vor der zweiten Vorstellung ist das Theater abgebrannt. Damit war meine ,Karriere’ erst einmal auf Eis gelegt." Christian Friedel war zehn Jahre alt, als die Mauer fiel. "Für mich genau richtig. In der DDR wurden die Talente in jeder Weise gefördert. Das war für mich damals sehr gut. Und in dem Moment, wo ich die Freiheit brauchte, kam die Wende."Das Schauspielstudium hat den Magdeburger, der zunächst erfolglos an einigen ostdeutschen Schulen vorgesprochen hatte, nach München gebracht. Und mittlerweile sieht es so aus, als befinde er sich hier auf der Siegerstraße. Da allseits seine schöne Singstimme bewundert und gelobt wird, will man aber doch gerne wissen, warum er denn nicht Tenor geworden sei. Friedel: "Ich habe gehört, dass man damit ganz viel Geld verdienen kann. Aber Geld ist mir nicht so wichtig. Mir ist wichtig, dass junge Leute sich fürs Theater begeistern, dass es als ein politischer Ort wahrgenommen wird, dass es nicht zur Mottenkiste verkommt."

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