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Der Herzog und sein Stellvertreter: Lars Eidinger (li.) wird als Angelo zur Moral-Sau, als ihm Gert Voss’ Herzog Vincentio seine Macht überlässt. (Szene mit Bernardo Arias Porras, der Claudio und Mariana spielt.)

Theater-Spaß zum Nachdenken

Salzburg - Thomas Ostermeier inszenierte im Salzburger Landestheater William Shakespeares „Maß für Maß“ mit Gert Voss. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

„Schwein gehabt“, heißt’s am Ende von „Maß für Maß“ in der Inszenierung von Thomas Ostermeier, die Mittwochnacht bei den Salzburger Festspielen im Landestheater ihre Premiere feierte und ab 17. September in der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz läuft (Koproduktion). Schwein gehabt haben nicht nur die Schuldigen und Unschuldigen in William Shakespeares Stück um Recht und Gerechtigkeit, Gnade und Vergebung, Moral, Amoral und Moralterror. Sie alle kommen zwar seelisch ziemlich derangiert, aber doch körperlich unversehrt aus der Geschichte heraus, die mit vielen Toten hätte enden können. Schwein gehabt haben außerdem die auf und vor der Bühne, denn sie erlebten ein gelungenes Projekt, das in schönem Maß für Maß Theater-Nachdenklichkeit und Theater-Spaß bot. Wozu eine halbe Schlachtsau ihren wackeren Beitrag leistete.

Für all das schob Bühnenbildner Jan Pappelbaum einen güldenen, bis auf einen Kristalllüster leeren Kasten ins Landestheater. Alle Darsteller schon darin, die den Spielauftakt, in Reihe vor dem Publikum aufgestellt, mit einem auf alte Zeiten einstimmenden Gesang markieren (Musikalische Einstudierung: Timo Kreuser). Zusammen mit Sängerin Carolina Riaño Gómez, Kim Efert an der Gitarre und dem verschmitzten Trompeten-Grummler Nils Ostendorf rhythmisieren die Schauspieler immer wieder die Vorstellung mit eleganten oder komischen Klängen. Kein Wunder, dass sich der Herzog (Gert Voss) immer mehr als Dirigent herausschält, schließlich ist er es, der die Fäden der von ihm angezettelten Situation in Händen behält und nach deren brutalem Verheddern wieder entwirrt. Wie so oft bei Shakespeare schrammt die Komödie haarscharf an der Tragödie vorbei. Und dafür haben Ostermeier und sein Team das Bild vom geschlachteten Schwein gefunden.

Denn bei anderem Licht ist der Gold-Raum nur noch eine dreckige Bude, die Herzog-Stellvertreter Angelo (Lars Eidinger) ohne Rücksicht auf die anderen mit einem Wasserschlauch säubern möchte. So wird die Bühnen-Schachtel flugs zu Schlachthaus alias Kerker/Hinrichtungsstätte – und der Lüster zum Fleischerhaken. An den hängt sich Angelo schon mal kopfunter wie die halbe Sau, nachdem er selbst zur Moral-Sau geworden ist.

Konsequenterweise zeigen Ostermeier und Eidinger Angelos Umgang mit der Bittstellerin Isabella als Fast-Vergewaltigung. Eidinger schafft es beängstigend gut, sein Gesicht zu einer Fratze zu formen, die einem noch lange nachgeht. In ihr spiegelt sich der absolute Wille zur widerlichen Tat bei vollem Bewusstsein des Bösen. Eine Ausrede steht sich Angelo nicht zu. Jenny König gibt als Isabella den Gegenentwurf zu Verbrechen oder laxer Moral als glasklare, intelligente Frau, der Shakespeare ja einen Formulierungs-Teppich aus brillanten Argumentationen ausgerollt hat. Der ist von ihr – wie von den anderen Schauspielern – umso leichter zu beschreiten, als Marius von Mayenburg eine ausgesprochen heutige, leicht sprechbare, ein wenig unpoetische Übersetzung geliefert hat. Da spricht der Herzog schon mal von „Gestaltungsspielraum“ oder seiner Sorge „zwischen die Fronten zu geraten“.

Gert Voss spielt ihn, die Sprache feinst auslotend, in allen Facetten mit gelassener Grandezza aus. Da ist der routinierte Politiker im Anzug, der mit dem Hubschrauber – lustig, der Theaterzauber mit den simpelsten Mitteln – abdüst. Die philosophische Grundierung des Herrschers ist hier jedoch weginszeniert. Da ist der Klosterbruder, als der er sich verkleidet und der in einer grandiosen Eloge auf den Tod den zu selbigem verurteilten Claudio, Isabellas Bruder, zu beruhigen versucht. Das bringt Voss hinreißend auf der Kante von ehrlicher Überzeugung und krampfhaftem Trost-spenden-wollen. Natürlich kann er ebenfalls den empörten Herrn, der von Lucio verleumdet wird.

Der ist als einziger von den lustigen Rotlicht-Figuren in Shakespeares „Maß für Maß“ übrig geblieben. Stefan Stern gibt ihn als herzerfrischenden Berliner Proll. Für seinen Unglückstropf Claudio hat sich Bernardo Arias Porras ehrliche und auch komische, immer sehr menschliche Hoffnungs-Verzweiflungs-Momente erarbeitet. Dass er aber obendrein Mariana, Angelos verschmähte Verlobte, als skurrile Figur spielen muss, ist unsinnig (auch als Reminiszenz an die Tradition der Shakespeare-Zeit, die keine Schauspielerinnen kennt). Diese Kleinigkeit beeinträchtigt die ansonsten runde, überzeugende Inszenierung kaum – Schwein gehabt.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

19, 21., 22. August;

Telefon 0043/ 662/ 8045 500.

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