Valery Gergiev, der von einer Kamera gefilmt wird
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Ihre höchsten Klickzahlen erzielen die Stream-gewohnten Münchner Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev - bis zu 50.000.

Bilanz der Münchner Kulturinstitutionen

Theater und Orchester im Corona-Modus: Streams als Erfolgsmodell

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Abgefilmte Vorstellungen und Konzerte fürs Internet sind aus der Corona-Not geboren. Und doch mausern sich die Streams zum Erfolgsmodell - bis zu 60.000 Nutzer sind dabei.

  • Theater und Orchester erreichen durch ihre Streams ein deutlich größeres Publikum - auch wenn sie nur als Kompromiss wahrgenommen werden.
  • Die Bayerische Staatsoper meldet für Abende mit Jonas Kaufmann bis über 60.000 Abrufe.
  • Sonderfall Münchner Philharmoniker: Sie verkaufen ihre Produktionen an Sender und kommerzielle Portale weiter.

Eine Flasche Wein darf’s gern sein. Dann rutschen auch die Häppchen besser, die auf dem Wohnzimmertisch drapiert sind. Echte Profis arbeiten mit Großbildschirm, Beamer oder Soundsystem. Dokumentiert ist das alles in Sozialen Netzwerken, die Bilder laufen regelmäßig ein, bevor die Übertragungen aus den Musentempeln starten. Streams, die Kunstgenüsse per Klick, gehören inzwischen nicht nur für den Fan zum festen Pantoffelkino-Programm.

Ein Erfolgsmodell, auch wenn es aus Corona-Not geboren ist. Dafür sprechen allein die Zahlen, die Münchens Kulturinstitutionen melden. Wobei es manche gibt, die mit den Daten freigiebig umgehen. Andere wie die Kammerspiele liefern auf Anfrage nur Knappes und Allgemeines, vielleicht will man sich in Sachen Quote keine Blöße geben. Was feststeht: Die Theater, Orchester und Veranstalter erreichen ein deutlich größeres Publikum, auch auf internationaler Ebene.

So meldet zum Beispiel der Bayerische Rundfunk für sein Portal BR Klassik „häufig Abrufe im vierstelligen Bereich“. Einen Durchschnittswert möchte man nicht nennen, weil alles über mehrere Webseiten oder Soziale Netzwerke ausgespielt wird. Spitzenwerte lieferte „Musik bleibt: Stars im Wohnzimmer“ mit Jonas Kaufmann und Lang Lang, rund 15 000 Abrufe gab es hier. Überhaupt wurde laut BR die Online-Nutzung immer beliebter, von 2019 auf 2020 sei diese um 28 Prozent gestiegen.

Streams der Institutionen lassen sich nur bedingt vergleichen

Direkt vergleichen lassen sich die Institutionen nicht. Das hat zu tun mit den verschiedenen Portalen, über die gesendet wird, und mit Gewohnheiten: BR Klassik streamte schon vor Corona Konzerte, auch die Staatsoper verbreitete so ihre Premieren. Mancher ist also etablierter, auch technisch erfahrener, andere mussten Pandemie-bedingt erst Neuland betreten und ihr Publikum konditionieren. Die einen verlangen außerdem Geld, die anderen nie oder erst nach der Erstausstrahlung. Außerdem gibt es unterschiedliche Laufzeiten. Am Gärtnerplatz sind die Streams zwei Tage nach Erstausstrahlung abrufbar, manche Produktionen des BR-Symphonieorchesters sogar für mehrere Jahre.

Und doch gibt es beeindruckende Zahlen. Spitzenreiter am Gärtnerplatztheater war der Silvester-Stream mit „Drei Männer im Schnee“, der 30 000 Zugriffe verzeichnete. Auf Platz zwei landete die Premiere von „Der Vetter aus Dingsda“ (6750). Selbst die Konzerte der Reihe „Sinfonische Lyrik“ erzielen rund 2000 Klicks – wenn man bedenkt, dass das Haus knapp 900 Plätze hat und solche Konzerte nur einmal gespielt werden, ein enormer Wert. „Neben einer höheren Zahl an Zuschauern sind es aber vor allem Menschen aus ganz Deutschland und international bis nach Japan und USA, die sonst keine Möglichkeiten für einen spontanen Besuch hätten“, sagt Gärtnerplatz-Sprecher Roman Staudt.

Das Cockpit der Bayerischen Staatsoper: Seit mehreren Jahren schon werden die Neuproduktionen auch per Internet verbreitet.

Ähnliches an der Bayerischen Staatsoper. „Ich wage zu behaupten, dass wir mit ,Eight Songs for a mad King“ vielleicht mit Ach und Krach das Cuvilliéstheater gefüllt hätten“, meint Sprecher Christoph Koch. So aber seien 2500 bei diesem „Montagsstück“ dabei gewesen – 400 mehr, als das Nationaltheater Plätze hat. Spitzenreiter waren an der Staatsoper ein „Montagsstück“ mit Jonas Kaufmann oder „La bohème“, ebenfalls mit dem Star. Über 60 000 Geräte waren zugeschaltet. Dass die Nutzer nicht immer über die volle Länge dabei bleiben, ist allen klar. Koch gibt einen Durchschnitt von 30 Minuten an bei Opern. Am Gärtnerplatz geht man davon aus, dass „ein Großteil“ über die volle Strecke geht.

Je kleiner der Saal, desto erfolgreicher ist das Streaming mit Blick auf die Reichweite. Der Jazzclub Unterfahrt meldet mit normalerweise 165 Plätzen bei einem Live-Konzert eine Quote von 500 bis 3000 Klicks, Rekord waren 9000. Auch das Jugendtheater Schauburg wird weit über Oberbayern hinaus wahrgenommen, Anfragen für dessen Bezahl-Streams kommen auch aus Luxemburg, Irland und Australien. 30 Buchende gibt es hier durchschnittlich pro Produktion, die als „Theater on demand“ verkauft wird – wobei im Falle dieser Stücke der Regelfall ist, dass eine ganze Familie zuschaut.

Residenztheater will die Internet-Projekte ausbauen

Einen Sonderfall bilden die Münchner Philharmoniker. Dank ihres Chefdirigenten Valery Gergiev sind sie schon länger im Bezahlfernsehen oder auf kostenpflichtigen Internet-Portalen vernetzt. Fast jeder Stream wird weiterverwertet bei Kooperationspartnern wie Mezzo oder Myfidelio, aber auch bei Öffentlich-Rechtlichen wie bei Arte oder beim japanischen Sender NHK. „Das derzeitige Streaming ist ein ,Effekt‘, unsere langfristige Strategie der internationale Vertrieb“, formuliert es Philharmoniker-Sprecher Christian Beuke.

Auf der eigenen Webseite verzeichnet das Orchester pro Konzert 8000 bis 13 000 Klicks. Ausreißer nach oben waren Konzerte mit Pianist Mao Fujita sowie Geiger Leonidas Kavakos und Cellist Gautier Capuçon, beide Programme dirigiert von Gergiev. Hier schalteten sich rund 50 000 zu. Zur Erinnerung: Die Philharmonie hat 2400 Plätze. Einen solch hohen Wert erreichen die Philharmoniker sonst nur mit einem Kooperationspartner.

Eine respektable Bilanz – doch auch eine Verbreitungsmöglichkeit für die Zeit nach Corona? Beim Residenztheater geht man fest davon aus. Als Intendant Andreas Beck 2019 das Haus übernahm, habe es „eine kleine, vernachlässigte 1,5-Personen-Abteilung“ gegeben, wie es die stellvertretende Intendantin Ingrid Trobitz ausdrückt. Die wird sukzessive vergrößert – für abgefilmte Theaterproduktionen, aber auch für reine Internet-Projekte mit ihrer eigenen Ästhetik.

Live-Erlebnis lässt sich nicht ersetzen

Trobitz verweist auf die Variationsbreite ihrer Netz-Abende, angefangen von täglichen Gratis-Clips und Zoom-Formaten mit Interaktionsmöglichkeiten über „Resi liest“ und Aufführungen für fünf Zuschauer bis zum klassischen „Woyzeck“. Für Letzteren schalten sich laut Trobitz schon mal 500 Nutzer zu. Auch das sei nicht vergleichbar mit anderen Anbietern, die Vorstellung sei schließlich vor Corona herausgekommen. Ansonsten ist man beim Resi vorsichtig mit Zahlen, weniger mit der Reichweite: Auch in Hamburg, Athen und Istanbul sitzen Fans vor dem Computer, wie Trobitz berichtet. „Streams werden uns also künftig begleiten.“

Das sieht man auch an anderen Institutionen so. Wobei eine Art Faustregel gilt: Je mehr sich diese auf eine spezielle Internet-Ästhetik einlassen, desto intensiver werden die Projekte vorangetrieben. Das betrifft die Schauburg mit ihrer „Netzburg“ wie die BR-Klangkörper. „Streams sind mitnichten nur eine Ersatzlösung während der geschlossenen Säle“, teilt der Sender mit. Anders am Gärtnerplatz, wo Sprecher Roman Staudt Streams nur „hin und wieder“ als Ergänzung sieht. Was deutlich macht: Das Live-Erlebnis ohne Häppchen daheim, dafür mit Gläserklirren im Pausenfoyer ist eben durch nichts aufzuwiegen.

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