Dem Theater widerstanden

- Immer wieder taucht sie auf der Bühne auf, die hässliche, große Sporttasche. Und niemand erfährt, ob was drin steckt. Vielleicht ist sie nur eine Mogelpackung so wie das, was da am Donnerstagabend in der Münchner Muffathalle als "Musiktheater" ins Biennale-Rennen geschickt wurde. "22,13" lautet der Titel von Mark André´s Passion in drei Teilen, die sich als konzertante Musik mit bewegten Bild-Assoziationen entpuppte, die meist so schwer verständlich, so kryptisch wirkten wie die Apokalypse des Johannes, die die Initialzündung zu diesem Werk lieferte.

<P>In Kapitel 22, Vers 13 der Offenbarung heißt es: "Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende." Diese Worte, ganz am Schluss werden sie per Tonband eingespielt, sind die einzigen, die man an diesem Abend wirklich versteht. Von weiteren Bibelstellen aus der Offenbarung und dem Johannes-Evangelium, die auf Deutsch oder Schwedisch geflüstert werden, fängt der Zuhörer mit gespitzten Ohren nur Bruchstücke, Wortfetzen auf.<BR>Verständlichkeit, das ist rasch klar, wird nicht angestrebt. Das Wispern der menschlichen Stimmen gehört vielmehr zum geheimnisvollen Klangbild, mit dem<BR>Kreisende Musik</P><P>Mark André´ den Raum (mehr als die Zeit) erfüllt. Zweimal zwei gleich bestückte Orchestergruppen mit Volkalistinnen des koproduzierenden Mainzer Staatstheaters, sitzen spiegelverkehrt angeordnet wie beim Schachspiel und umzingeln den Zuschauerraum. Sie sind dunkel tönend, solistisch besetzt: mit oft sanft agierendem Schlagwerk (Basstrommel, Schlitztrommel, Kuhglocken etc.), mit hauchenden Bläsern (Bassposaune, Bassklarinette, Fagott), zupfend bis perkussiv spielenden Celli, Kontrabässen, Klavieren und Harfen.<BR><BR>Die unter Peter Hirschs ruhig-klarem Dirigat entstehenden, düsteren Klänge, oft Geräusche, werden zueinander gefügt, verschoben, ohne wahrnehmbare lineare Entwicklung. Diese zuweilen verstärkte und mit verschiedenen Zuspielungen der Live-Elektronik kombinierte, schwebende Zustandsmusik - mehr noch Endzeitmusik - kreist scheinbar in sich und explodiert nur in gelegentlichen Fortissimi. Geraume Zeit hält die meditative Suggestionskraft, doch mitnichten 90 Minuten, zumal vom Bühnen-"Geschehen" keine Impulse ausgehen.<BR><BR>Regisseur Georges Delnon ist keineswegs zu beneiden, sollte er doch dafür sorgen, dass aus Wasser Wein wird. Er hütet sich davor, in den drei Passions-Teilen "Das O", "Der Letzte", "Das Ende" die Assoziationen des Komponisten - Bergmans Film "Das siebte Siegel", die Schachpartien Gary Kasparovs gegen den IBM-Computer Deep Blue und der Gefangenentransport im August 1944 von Le Vernet nach Dachau - realistisch zu bebildern.<BR><BR>Dennoch: Seine szenischen Lösungsversuche mit den sieben Akteuren (mit Fotogesicht, in Unterwäsche oder sogar nackt) und den sieben im Raum verschiebbaren Quadraten wirken verworren, krampfhaft, zuweilen gar peinlich und korrespondieren lediglich in ihrem Zeitlupentempo mit der Musik. Sie widersteht dem Theater und seinen sinnlichen Verführungen. Der Biennale zum Trotz.<BR><BR><BR></P>

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