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Doppelrolle: Erwin Windegger spielt den Dichter Cervantes und Don Quijote, dessen berühmteste Figur.

Theaterglück aus Not geboren

München - In der Reithalle startete Intendant Josef E. Köpplinger mit dem Musical „Der Mann von La Mancha“ in die neue Saison des Gärtnerplatztheaters. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Wir werden uns hüten zu sagen, Theater ginge am besten mit nichts als drei Betttüchern, obwohl so piffige Leute wie Jochen Schölch am Metropoltheater oder Andreas Wiedermann, zuletzt im Müller’schen Volksbad, genau das beweisen. So sehr wir uns die Wiedereröffnung des Gärtnerplatztheaters herbeiwünschen – es gibt Abende, die gerade darum gelingen, weil mit Glück aus der Wander-Not und dem Zwang zur Improvisation eine Tugend gemacht werden kann.

Genau das geschah jetzt in der Reithalle, die sich immer wieder als variabel zu nutzender Theaterraum beweist. Diesmal ein idealer Spielplatz für das Musical „Der Mann von La Mancha“ von Dale Wasserman und Mitch Leigh, das auf dem „Don Quijote“ des Cervantes fußt. Der Abend gelingt, weil alle Gewalt von den Spielern ausgeht und nicht von irgendwelchen Bühnenaufbauten und technischen Möglichkeiten. Josef E. Köpplinger hat seine Truppe in lebendige Bewegung gebracht, dabei die Charaktere fein gezeichnet (das kann er also auch, selbst wenn er es nicht immer tut). Das jeweilige Bild wird blitzschnell vor unseren Augen mit ein paar Brettern, einer Leiter, einem Tisch gebaut und auch wieder abgebaut, sodass auch wir, wie der Fantast Don Quijote, ein Schloss, eine Kirche, ein Wirtshaus, eine Windmühle, Pferd und Esel sehen, wo nichts ist außer Brettern, Leiter, Tisch und zwei Männer mit übergestülptem Pferde- oder Eselskopf, die mit ihren zierlich bewegten Füßen „reden“. Alles zusammen ist Theater pur, und dass die Zuschauer – auf zwei Tribünen, die Spielfläche in der Mitte, das Orchester hoch oben dahinter – die eigene Fantasie spielen lassen können, ist der Clou.

Die Musik dagegen sicher nicht: Die bekannte amerikanische Klebepaste wird aber vom sauber spielenden kleinen Orchester unter Andreas Kowalewitz nicht auch noch extra eingeschnulzt („Dulcinea, Dulcinea“). Trotzdem: Man ist froh, wenn gesprochen und nicht gesungen wird, zumal das alle sehr gut können.

Erwin Windegger in seiner Doppelrolle als Angeklagter Cervantes (Dichter und Idealist zu sein, ist sträflich; Bücher werden verbrannt) spielt als Don Quijote seine Verteidigung, mit allen anderen Häftlingen zusammen (rüde Burschen darunter). Er trifft sowohl die Haltung des Edelmanns wie die Naivität des Fantasten und findet in Carin Filipčic die handfeste Aldonza, die unter seiner Verehrung schließlich die Wandlung zur angebeteten Dulcinea vollzieht. Ihre Figur lässt sich berühren von der Ahnung, dass in einer brutalen Welt, und die wird hier von einem temperamentvollen Ensemble virtuos ausgespielt, ein anderer Lebens-Ton möglich sein könnte nach des Cervantes’ schönem Satz: „Tatsachen sind die Feinde der Wahrheit.“

Der Abend hat Tempo, ist in zwei Stunden (ohne Pause) gegessen und könnte trotz ein paar Längen im letzten Drittel ein Renner werden.

Beate Kayser

Nächste Vorstellungen

heute sowie am 5., 7., 8., 10., 11., 12., 13., 15. Oktober;

Telefon: 089/ 21 85 19 60.

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