Im Theaterhimmel

München - Mit Kleist auf dem Drahtseil: „Das Käthchen von Heilbronn“ in Dieter Dorns Münchner Abschiedsinszenierung

Von Simone Dattenberger

„Aus“, ruft Dieter Dorn mit Schmunzeln ins Theaterrund - aber diesmal gehorcht dem Regisseur niemand. Denn alle, ob Zuschauer oder Schauspieler sind dabei, ihm Standing Ovations darzubringen, und das ausdauernd. Zuvor gab es im Münchner Residenztheater einen noch längeren und heftigeren Applaus für die Schauspieler und für seine Inszenierung des Stücks „Das Käthchen von Heilbronn“ (1810 uraufgeführt). Heinrich von Kleists „Großes historisches Ritterschauspiel“, in dem der geniale Preuße zwischen Tragödie und Komödie ebenso tollkühn auf dem theatralen Drahtseil balanciert wie zwischen Ritterspektakel (durchaus à la Kiefersfelden) und religiöser Reflexion. Viele, auch große Geister, sahen Kleist (1777-1811) abgestürzt, andere himmlisch schweben. Und bis heute ist es so, dass sich sehr selten ein Regisseur an das „Käthchen“ herantraut.

Dieter Dorn (75) hat sich nun zu Kleist aufs Seil geschwungen. Ausgerechnet für seine Ausstands-Inszenierung als Intendant des Bayerischen Staatsschausspiels ist er auf volles Risiko gegangen. Sicher, er ist innig verwurzelt in Kleists Gedankenwelt und Sprache, hat den „Zerbrochnen Krug“ mit Rolf Boysen wunderschön herausgebracht, begeisterte mit „Homburg“ (Michael von Au) oder mit „Amphitryon“ (Jens Harzer, Sibylle Canonica als Alkmene). Auch jetzt folgte er seiner Maxime und vertraute sich ganz und gar dem Dichter, besser: dessen Text an. Der wird nicht wie bei manchen anderen Regisseuren zum Steinbruch, sondern zur Fundgrube. Bei „Käthchen“ ist die Spannweite groß - von Fetzengaudi bis hochphilosophischer Fragestellung. Deswegen sind die vier Stunden Spielzeit (plus zwei Pausen) keine Sekunde langweilig. Und: Es geht stets um das Theater. Das unterstreicht Theatermacher Dorn in seiner Gestaltung ausdrücklich.

Sein jahrzehntelanger Ausstattungsgefährte Jürgen Rose entwickelte ihm dazu das Passende: die Bühne als Bühnenbild. Diese Halle ist bis zur weißen Mauer mit ihrem sichtbaren Ziegelmuster frei. Rechts und links wiederholt sich diese Wand auf riesigen Fotovorhängen. All das gibt es auch in der Schwarz-Variante. Mit ihr „taucht“ man in die Höhle des Femegerichts oder in die Finsternis der Nacht. Wirklichkeit, das (An-)Fassbare, und Fiktion, das Unfassbare, mischen sich auf Roses Bühne und in den erlesen-witzigen Kostümen mit der Leichtigkeit einer genialen Idee. Die Ziegel-Tapete erscheint auch auf den typischen Rose-Pavillons, etwa bei Kunigundes Kabinett. Alte Bühnenbretter werden zu Hütten oder schroffen Felsen. Und der tatsächliche Bühnenboden hat mit beeindruckender Versenkung seinen tollen Auftritt.

Den hat gleich am Anfang der Regisseur im schwarzen Anzug und schwarzem Stehkragenhemd, wenn er durch eine kleine weiße Wand ganz weit hinten kracht - und damit die Silhouette des Engels herausbricht. Der ist schließlich durch seine Verkündigungen an Käthchen und Friedrich Wetter Graf vom Strahl an allen Liebes- und Standes-Turbulenzen Schuld. Und er schaut schließlich, dass alles wieder in Ordnung kommt. Dass alles in Schwung kommt, darauf schaut der Regisseur, der mit stummen Gesten Männer in Alltagsklamotten und Schnappsack auf die Bühne winkt. Das Spiel kann beginnen - zack, dunkle Mäntel übergestreift, zack, das Gesicht geschwärzt, und das Femegericht ist fertig. Der erste Monolog wird zum Teil chorisch gesprochen, und fast mühelos ist man in Kleists Sprache eingetaucht - samt spannender Gerichts-Show.

Spannend, nicht nur weil Zauberei und sexuelle Nötigung verhandelt, sondern auch weil energisch und selbstbewusst gegen einen Adeligen geklagt wird. Oliver Nägele als Käthchens Vater Friedeborn, Waffenschmied zu Heilbronn, gestaltet seine Erzählung so - ohne zu theatern -, dass der Zuschauer hineingerissen ist in das merkwürdige Geschehen um das 15-jährige Mädchen. Diese Spannung hält Felix Rech als Graf mit seiner Verteidigungs-Erzählung aufrecht. Bis Käthchen und damit Lucy Wirth auf der Leiter in die Feme-Höhle herabsteigt. Hier löst Kleist die Gewissheit, das Abgerundete einer erzählten Geschichte in Dialogfetzen auf: Keiner der Beteiligten versteht, was hier vorgeht. Die angebotenen Interpretationen von Vater (Zauber) oder Graf (Unschuld) zerbröckeln an dem Faktum Käthchen. Sie tut. Sie ist. Was getan werden muss. Was sein muss. Ein Engel hat ihr eine Tatsache verkündet - was gibt es da zu deuteln. Kleist spielt hier auf Mariä Verkündigung im Neuen Testament an. Und man denkt auch an seinen träumenden „Homburg“.

Rech zeigt den verheißenen Ehemann facettenreich und humorvoll als feschen und anständigen Ritter. Als verknallten Adeligen, der sich feige nicht über die Standesschranken hinweg zu Käthchen wagt. Als blumigen Schwätzer, dem sie mit einem einzigen Wort die Luft ablassen kann. Auch als (reuigen) Sadisten, der das ergebene Mädchen bis kurz vor der Hochzeit schikaniert. Und als einen, den erotische Reize schnell gefügig machen. Ob von Käthchen oder Kunigunde, ihrer Gegenspielerin. Bei Sunnyi Melles in allerbesten Händen. Sie holt aus sich Zirze und Furie, Charmebolzen und altes Weib (ohne Angst vor Hässlichkeit), Gefügige und mörderische Intrigantin. Und sie birgt durch ihr kluges Sprechen Kleist’sche Juwelen wie die geradezu zeichentheoretische Überlegung zur Bedeutung von Mode-Accessoires. Natürlich pflastern Opfer Kunigundes Weg. Als verschmähte Rittersleut’ bekommen Shenja Lacher und Michael von Au urkomische Soli - der Macho als Knallkopf. Überhaupt sorgt Spielmacher Dieter Dorn für allerhand brillante Soli in dem Viel-Personen-Drama. Franziska Rieck ist eine surreale Kunigunden-Zofe. Heide von Strombeck erzählt skurril-spitzbübisch von des Grafen Frauen-Vision. Helmut Stange ist als dessen wackerer Knecht gütig-knorrig. Den Höhepunkt all dieser Episoden bietet Cornelia Froboess als Grafen-Mutter. Ihre eisige Freundlichkeit der schleimenden Kunigunde gegenüber, den mütterlich spöttischen Blick auf den verblendeten Sohn muss man gesehen haben.

In all dieser menschlichen Normalität muss Lucy Wirth das Ganz-anders-Sein eisern durchhalten. Sie spielt dieses So-Sein als eine Existenz, die fest geerdet ist. Ihr absolutes Dienen/Lieben, das uns doch sehr befremdet, zeigt sie als unerschütterliche (Selbst-) Gewissheit. Sie formt kein esoterisches Hascherl, sondern eine gestandene Frau. Der traut man zu, dass sie alle Standes-, Familien- und Benimmregeln über den Haufen wirft. Dass das klappt, glaubt auch Kleist nicht. Sein Deus ex Machina ist der Kaiser, der sich zu seiner Schwerenöter-Tat in Heilbronn vor 16 Jahren, damit zu Tochter Käthchen bekennt - und sie also zu Katharina von Schwaben adelt. Dorn schildert den verlegenen Mann mit feiner Komik, der in die Vaterrolle stolpert und dann die Hochzeit stiftet. Und bevor Furie Melles - diesmal wird ja sie verschmäht - wieder loszetert, schreit Dieter Dorn schnell: „Aus!“ Jener Regisseur, der uns mit wüstem Theaterdonner, herzigen Hoppel-Rössern, aber auch mit tiefen Gedanken und tiefer Menschlichkeit in den Theaterhimmel geführt hat. Der Abschied von ihm fällt jetzt schon schwer.

Nächste Vorstellungen: 18.2., 21.2., 22.2., je 17 Uhr; Telefon 089/21 85 19 40.

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