Ein Theater-Killer

- Tumulte im Salzburger Landestheater. "Geld zurück"-Rufe, Hohnlachen, Türen knallen, Buh-Sturm bei der letzten echten Festspiel-Premiere, einer Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg. Die Neuinszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" ging restlos unter im Protesthagel des Publikums. Der Regisseur Michael Thalheimer hatte erreicht, was er wollte: Skandal. Dass ihm die Zuschauer diesen Gefallen leisteten, dafür bedankte er sich artig mit einer Kusshand ins Parkett.

<P>So viel Krach kann und darf schon einmal sein bei einer Inszenierung, sofern sie inhaltlich provoziert. Wenn aber wie jetzt bei den Salzburger Festspielen das Spektakel im Zuschauerraum unterhaltsamer ist als jenes auf der Bühne, auf der es herzlich langweilig zugeht: Dafür will man die sündteuren Eintrittskarten eigentlich doch nicht gekauft haben. Nicht für das rasch durchschaubare Konzept, das der Regisseur dem szenischen Fragment des genialen, nur 24 Jahre alt gewordenen Büchner (1813- 1837) aufzwängt. Nicht für das Theaterblut, das er reichlich fließen lässt. Auch nicht für den smarten Schlagergesang, den er vorn an der Rampe von so einem schmierigen Zigarette-im-Mundwinkel-Typ ins Mikro röhren lässt: "Sag' mir quando, sag mir wann", und so weiter.<BR><BR>Einmal den "Woyzeck" ganz anders machen, einmal ihn uminterpretieren, einmal ihn zuschneiden auf die eigene, enge Sicht. Die Bühne - ein geschlossener Raum in Silbermetallic mit Woyzeck in der Mitte. Die anderen Figuren quetschen sich von rechts auf die Bühne: Tambourmajor, Hauptmann, Doktor - jeder absolviert bei seinem Auftritt eine eigene Nummer, schnaubend, ächzend, brüllend, pressend. Anfallartig. Verrückte alle. Warum Woyzeck ihnen auch alsbald die Kehle durchschneidet. Beim Tambourmajor, dem dicken Rotgesicht, braucht er sich nicht eigens zu bemühen; der zerquetscht einfach selbst zwei Blutbeutel an seinem Hals. <BR><BR>Wie Puppen sitzen diese Opfer nun in den Ecken, indes Marie - immer wieder vergeblich um Woyzecks Liebe buhlend - mit gehobenen Röcken selbst noch über die Sterbenden hergeht. Dann muss auch sie mit einem Todeskuss dran glauben. Ebenso Freundin Käthe, der er ruckzuck das Genick umdreht.<BR><BR>Woyzeck - ein Triebmörder. So die bescheidene Botschaft des 75-Minuten-Abends. Büchner? Ach was. Ich mache meine eigene Kunst, will uns der Einbildungs-Regisseur sagen. Im Falle dieser Aufführung ist's nicht weit her damit. Kein Grund, die Schauspieler, von denen hier keiner herausragend zu erwähnen wäre, den lauten Zwischenrufen des Publikums auszusetzen. </P><P>Bis 26. August.<BR></P>

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