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Gut und Böse: Der KZ-Arzt (Oliver Möller, li.) will Pater Riccardo (Pascal Riedel) vom Glauben abbringen.

Theaterpremiere sorgt für reichlich Diskussionsstoff

München - Respektable Leistung: Christian Stückl inszenierte fürs Münchner Volkstheater Rolf Hochhuths Werk „Der Stellvertreter“ und sorgte damit für reichlich Diskussionsstoff.

„Du hast zu viel Hochhuth gelesen.“ Ein Satz aus der aktuellen Volkstheater-Inszenierung des „Stellvertreters“ von Rolf Hochhuth (Jahrgang 1931) – und dieser spitze Scherz angesichts des Autors inmitten des Münchner Premierenpublikums. Intendant Christian Stückl hat sich selbst an das Drama herangewagt, das eigentlich gar kein Theatertext sein will. Zu vieles wird erzählt und geschildert, etwa die Personen und Räumlichkeiten, viel geschichtliches Wissen wird nachgereicht und erklärt, noch in den Dialogen selbst. Stückl und sein Team haben sich die Arbeit nicht leicht gemacht. Man merkt der Gestaltung vom ersten Moment an, dass man den Werk-Brocken ernsthaft behauen hat. Schon allein das nötigt einem Respekt und Sympathie ab. Dennoch ist diese „Stellvertreter“-Version mit fast dreieinhalb Stunden zu lang geblieben. Bei der Premiere am Mittwochabend zeigte sich, dass manche Argumente immer wieder – sicherlich in leicht variierter Form – ausgetauscht wurden. So schwer von Kapee sind die Zuschauer nicht, selbst wenn sie keine ausgesprochenen Kenner der Shoa- und Weltkriegs-Geschichte sind.

Das seit seinem Erscheinen 1963 heftig umstrittene Hochhuth-Stück mit massiven Angriffen auf die Kurie und Papst Pius XII. ordnet Stückl, der auch Spielleiter der Oberammergauer Passion ist, gleich am Anfang historisch korrekter ein. Hat das Oberhaupt der katholischen Kirche die Juden im Stich gelassen, weil er nicht offensiv genug gegen Hitlers Völkermord protestiert hat, oder hat er vielmehr Tausende gerettet, schließlich wurde er von vielen, auch namhaften Juden sehr geehrt? Das diskutieren zwei Studenten (Pascal Riedel und der wie immer überzeugende Pascal Fligg). Stefan Hageneier hat dafür einen typischen Seminar-Arbeitssaal gebaut mit nüchternen Schreibtischen, auf denen jeder seine Bücherhäufchen verteilt hat. Durch Musselin-Wände ist dieser Raum bis in die Tiefe der Bühne erweiterbar – und wird am Ende zum Wartesaal des Todes im KZ und schließlich wieder zum Seminar. Da ist der Regisseur dann bei der Frage angekommen, die ihn wohl am meisten im Hinblick auf den Judenmord bewegt: „Was interessiert mich der Stellvertreter – wo war sein Chef eigentlich?“

Auf die verzweifelte Gottes-Frage, die sich viele angesichts furchtbaren Leids stellen, lässt Christian Stückl das Drama hinauslaufen. Auf eine unbeantwortbare und deswegen immerwährend nagende Frage für jeden Gläubigen, egal welcher Konfession. Basis dafür sind die Thesen des sardonischen KZ-Arztes, der als im wahrsten Sinne Advocatus Diaboli dem Pater Riccardo Glaube und Gott wegdebattieren möchte. Die Qualen im Konzentrationslager sind seine „Beweise“. Oliver Möller spielt mit mephistophelischem Genuss und hat es als etwas eindimensionaler Böser leicht, darstellerisch zu punkten. Den Papst, seine andere Rolle, gibt er als undurchschaubarer Mann.

Pascal Riedel als der gute Riccardo, der zuletzt mit römischen Juden ins Vernichtungslager geht, zeichnet sich durch hohe Ernsthaftigkeit aus, die richtige Intensität und Vielschichtigkeit muss er sich noch erspielen. Die fast rasende Verzweiflung, dass die Kurie nicht konfrontativ gegen den Judenmord vorgeht, glaubt man ihm nicht. Ganz zu schweigen von seiner Gläubigkeit oder der Angst im KZ. Da muss dann Paul Celans „Todesfuge“ helfen – künstliches Zittern reicht halt nicht. Zugestanden sei: Das sind Ebenen, die selbst gestandene Bühnengrößen kaum erreichen. Zumal am Ende dieser Produktion der „Stellvertreter“-Crew und dem Publikum vor lauter Debattiererei schon ziemlich die Kraft ausging: Zu oft war das Hilfe-Flehen Riccardos und des SS-Manns Gerstein auf der einen Seite mit Hinweisen auf die Gesetze der Diplomatie, die Angst vor Stalin und dem Kommunismus auf Seiten der Kurie beantwortet, um nicht zu sagen, durchgekaut worden. Sie waren davon überzeugt, nur Hitler-Deutschland könne Europa vor dem Bolschewismus retten.

Die Thriller-Elemente in Hochhuths „Stellvertreter“ – SSler als eine Art Doppelagent mit Mission: impossible – hat Christian Stückl belassen wie auch die Kritik an Krupp, Wehrmacht, Vatikan- und Jesuiten-Geld, evangelischer Kirche. Aber das ist nicht sein Schwerpunkt. Deswegen bleibt die schillerndste Figur des Dramas, der SS-Obersturmführer Kurt Gerstein, in Gestalt von Max Wagner eher blass. Dessen Konträrpolung als direkter Teil der Menschen-Vernichtungsmaschinerie und zugleich als Informant und (verhinderter) Retter wird nur recht schwach ausgeleuchtet.

Aufs Ganze gesehen dennoch ein hochrespektabler, diskussionswürdiger und sperriger Abend – was ja auch mal sein darf.

Von Simone Dattenberger

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