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„In 80 Tagen um die Welt“: Die Reihe „Junges Resi“ für Kinder von sechs bis 106 Jahren startet heute mit diesem Projekt.

Theaterspürnasen:  Bildungsoffensive „Junges Resi“

Abfahrt: Münchner Residenztheater! Denn dort geht’s heute um 18 Uhr „In 80 Tagen um die Welt“.

Mit diesem Reiseabenteuer nach Jules Vernes Roman von 1873 ist – im Abstand von über zwanzig Jahren – auf der großen Staatsschauspiel-Bühne wieder ein Stück für Kinder zu sehen. In Christian Tschirners Fassung wird das Publikum (ab sechs Jahre) erleben, wie der Gentleman Phileas Fogg und sein Diener Passepartout um den Globus reisen, immer verfolgt von Detektiv Fix, der Fogg für einen Bankräuber hält. Der von Tina Lanik inszenierte Globus-Trip ist aber nur ein Ereignis der vom Residenztheater gestarteten Bildungsoffensive „Junges Resi“. Was das „J. R.“ in dieser Spielzeit noch alles zu bieten hat, erfahren wir von der Leiterin Anja Sczilinski.

-Wie ist Intendant Martin Ku(s)ej auf Sie aufmerksam geworden?

Durch mein Modellprojekt am Schauspielhaus in Graz in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Bundesministerium für Unterricht und Kultur. Das Besondere daran: Wir haben gemeinsam mit Lehrern gearbeitet, die auf halber Stelle an der Schule und halber Stelle am Theater waren. Wir haben dreieinhalb Jahre Produktionen begleitet, Workshops und Projekte für und mit Jugendlichen gemacht.

-Sie haben nach Ihrem Studium in Regie, Tanz, Musik- und Theaterpädagogik an der Hochschule der Künste Berlin ab 2002 eine beeindruckende Anzahl von Projekten für Theater, Festivals, Gefängnisse und Seniorenheime geleitet, selbst auch viel Regie-Erfahrung gesammelt. Sind Sie bei diesem Jules Verne quasi Laniks Co-Regisseurin?

Nein. Aber wir sind von der Konzeptionsprobe bis jetzt zur Premiere in einem ständigen Austausch. Wir haben Kinder auf eine Probe eingeladen und geschaut: Verstehen sie das Ganze? Wo ist es ihnen langweilig? Welches Alter können wir ansetzen?

-Gleich nach der Vorstellung von „80 Tagen“ geht es für spielfreudige kleine Zuschauer weiter...

Das ist unser „Interaktiv“-Format. Wir treffen uns mit den Kindern an einem Punkt X im Theater und spinnen die Geschichte mit neuen Figuren weiter. Der eine ist vielleicht der Bruder von Passepartout, die andere eine Spürnase. Und dann touren wir durchs Haus, verfolgen oder befreien jemanden. Die Kinder sind so nicht nur Zuschauer, sondern selbst aktiv in der Geschichte drin.

-Das Theater als innovative Lehranstalt?

Warum ich am Theater bin – das sind die Prozesse vor der Premiere. Wo Austausch passiert, wo Ideen entstehen, vielleicht auch Visionen umgesetzt werden, leider hinter verschlossener Tür. Und die Idee ist, diese Tür mit unseren Labors etwas zu öffnen. Da kann man lernen, wie auf der Bühne gesprochen, wie eine Rolle erarbeitet wird, was Dramaturgie ist, was Theatermusik, oft ja nur Geräusche sind, die man nicht bewusst wahrnimmt, aber sehr viel auf der emotionalen Ebene ausmachen. Wie maskentechnisch Gesichter verzaubert werden. Wie ein Bühnenbild entsteht, von der ersten Idee bis zur Umsetzung. Das bewirkt ja doch ganz viel am Ende für alles, was man auf der Bühne sieht. Auch für den Regisseur, wie er mit den Schauspielern auf diesem jetzt gefüllten Podest umgeht. Diese Labors werden von Künstlern des betreffenden Fachs und dem Personal direkt aus unserem Haus geleitet. Wir sind begleitend dabei, damit das alles auch für Kinder oder Jugendliche verständlich ist. Natürlich nehmen wir Texte, Rollen, et cetera aus dem aktuellen Spielplan, sodass man sich dann später anschauen und hören kann, was der Profi aus dem Text gemacht hat.

-Das ist schon ein theaterwissenschaftliches Proseminar. Bühnenpraxis...

...ist auch möglich. Für „Katzelmacher“, das ich im Rahmen des Fassbinder-Festivals im April selbst inszeniere, haben sich für zwölf Rollen über 80 Jugendliche gemeldet. In Zukunft planen wir vier Produktionen pro Saison, dann mit Laien und Schauspielern gemischt. Ich habe so schon in Graz gearbeitet. Die jugendlichen Laien lernen da von der Professionalität der Schauspieler, fordern diese aber mit ihrer Frische und ihrer Direktheit neu heraus.

-Zum Theater sind Sie über den zeitgenössischen Tanz gekommen.

Was jetzt hilfreich ist. Die Körpersprache ist so wichtig, gerade wenn man mit Jugendlichen arbeitet. Sonst ist man bei Klassikern sofort im Intellektuellen drin, was oft gar nicht für alle nutzbar ist. Ein Ansatz ist hier, erst mal die Figuren des Stücks in den Körper zu bekommen. Und das funktioniert immer, besonders bei Schülern, die Schwierigkeiten im Deutschunterricht haben oder manches ganz doof und langweilig finden.

-Mit den dunklen Pünktchen an den unteren Augenlidern sehen Sie aus...

... (lacht) wie ein Clown. Ich war für verschiedene Tanzprojekte 2006/07 in Brasilien. Habe auch eine Zeit bei einem indianischen Stamm verbracht, der mir von seiner Kultur der Körperbemalung diese Punkte als Geschenk mitgegeben hat.

Das Gespräch führte Malve Gradinger.

Was das „Junge Resi“ alles zu bieten hat

„InterAktiv“: anschließend an die Vorstellung des Stücks „In 80 Tagen um die Welt“ (nach Jules Verne), ab sechs Jahre, fünf Euro, inklusive einer kleinen Brotzeit.

Theater-Labor: über zweieinhalb Monate hinweg jeweils drei Stunden pro Woche Unterricht und Übungen von Residenztheater-Profis und Gästen zu Themen und Fächern von Sprechen, Dialog, Gesang, Tanz bis zu Dramaturgie, Maske und Bühne. 50 Euro, Ermäßigung möglich. Es können auch mehrere Labors parallel besucht werden. Bei regelmäßiger Teilnahme bekommt man am Ende ein Abschlusszeugnis (nützlich für eine spätere Bewerbungs-Vita). Das Theater-Labor des Frühjahrs startet im kommenden April.

Theater BAR: eingeladen sind Jung und Alt, Schüler oder Lehrer, Oma, Onkel, Tante Neffe, Nachbar, hier mit kleinem Zeitlimit Texte, Szenen, Song-, Clowns- Tanznummern oder sonst Fantasievolles zu präsentieren. Anmeldung erwünscht.

Publikumsgespräche nach Vereinbarung.

Heft „Junges Resi“ und www.residenztheater.de: Dort stehen die genauen Daten aller Programme, auch die jeweiligen Altersbegrenzungen und weitere Aktivitäten wie Lehrerfortbildung und „Lesen und Lauschen – Geschichten für Kinder“.

gra

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