Ein Theaterwunder

- Weit über der Bühne, über Felsen und Steinstufen, durch Fichten und Laubbaumgehölz bewegt sich eine große Gruppe von Menschen. Es ist, als würde der Wald lebendig werden. Koffer, Körbe, Rucksäcke als Gepäck. Männer, Frauen, Kinder mit ihrer armseligen Habe. Langsam kommen sie herunter. Unten wartet der berühmteste Milchmann der Welt, wartet Tevje mit seiner Frau Golde, den zwei noch verbliebenen Töchtern und dem voll beladenen Leiterwagen, den er selbst ziehen wird. Der kostbarste Besitz - ein Federbett und zwei Leuchter oben auf. Dann verlässt der traurige, schwarz gekleidete Menschenzug über eine Art Rampe die Bühne, die ihnen ihr Dorf Anatevka war, aus dem sie nun vertrieben werden.

<P>Man könnte eine Stecknadel fallen hören im weiten Rund des bis auf den letzten Platz besetzten Zuschauerraums. Gebannt, gerührt, ergriffen und ganz erfüllt von diesem Theater verfolgen die Besucher das Geschehen. Und jeder von ihnen hängt wohl seinen eigenen Assoziationen nach.<BR><BR>In Bayern ganz oben, im Fichtelgebirge - da ereignet sich alle Jahre wieder ein Theaterwunder. Die beschauliche Stadt heißt Wunsiedel. Sie ist aus zwei Gründen berühmt: einmal weil sie der Geburtsort Jean Pauls ist; zum anderen weil sie mit der Luisenburg die älteste und größte Freilichtbühne Deutschlands besitzt. "Wir haben neun Monate Winter und drei Monate Theater", sagen die Wunsiedeler, die raue Witterung gewohnt sind. Aber wenn die Schauspieler kommen, beginnt für sie der Sommer.<BR><BR>In diesem Jahr erfahren die Luisenburg-Festspiele zusätzliche Aufmerksamkeit; denn mit dem Münchner Schauspieler und Regisseur Michael Lerchenberg haben die Freilichtspiele einen neuen Intendanten bekommen.<BR><BR>Erstmals in der 114-jährigen Geschichte der Festspiele wurden heuer zwei Schauspieler-Förderpreise vergeben: von Porzellan-Unternehmer Rosenthal der eine, von der Stadt Wunsiedel der andere. Gewinner sind zwei hoffnungsvolle junge Darstellerinnen - Barbara Lucia Bauer sowie Barbara Romaner, beide aus München.<BR><BR>Jetzt zur Festspiel-Halbzeit war Gelegenheit, alle vier Luisenburg-Produktionen zu sehen. Und Lerchenberg geht hoffnungsvoll einem guten Abschluss, künstlerisch wie finanziell, entgegen. Respekt. Denn pro Vorstellung gilt es, 1800 Plätze zu verkaufen. 70 Prozent des Gesamtetats müssen eingespielt werden.<BR>Für viele Menschen aus der Region sowie für jene, die in der schönen oberfränkischen Landschaft ihren Urlaub verleben, ist ein Besuch auf der Luisenburg (benannt nach Preußens Königin Luise) die einzige Möglichkeit im Jahr, Theater zu sehen. Das genau hat der Intendant mit seinem klug zusammengestellten Spielplan berücksichtigt. Fremdheit, Ausgrenzung, Flüchtlingsexistenz - das ist in allen vier Inszenierungen das Grundthema. Vom Kinderstück bis zum Musical. "Ronja Räubertochter" nach Astrid Lindgren erzählt schließlich von nichts anderem. Und die zweite Produktion, das eingangs erwähnte "Anatevka" ist der Haupttreffer dieser Saison. Karl Absenger hat die Geschichte um Tevje und Golde (hervorragend: Günter Mack und Gisela Ehrensperger) und ihre fünf Töchter mit der nötigen Sensibilität und dem hintersinnigen Witz des menschenkundigen und metiersicheren Regisseurs in Szene gesetzt.<BR><BR>Höchst passend und voller Poesie und Anmut erweist sich die Shakespeare-Komödie "Wie es euch gefällt", wenngleich Michael Lerchenberg sie mit einer Rahmenhandlung und diversen Liedgesängen etwas zu sehr überfrachtet hat. Strenger, herber, aber wie die anderen Stücke genauso gut geeignet für die wilde, geheimnisvolle Bergbühne ist die letzte Premiere: Martin Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern", von Markus Völlenklee inszeniert. Mit all diesen Aufführungen kann sich der neue Intendant sehen lassen. Zu verdanken hat er das nicht zuletzt einem klug zusammen gestellten Ensemble. Bekannte Münchner Gesichter, darunter Monika Baumgartner, Gerd Lohmeyer, Monika Manz, Gabriele Dossi, Stella Maria Adorf, Stefan Murr.<BR><BR>Und wer heuer keinen Wunsiedel-Termin mehr frei hat, der merke sich 2005 vor. Da gelangen zur Aufführung "Der Prinz von Homburg", "Die Geierwally" und "Der Diener zweier Herren", bei dem kein Geringerer als Jörg Hube der Regisseur sein wird.</P><P>Bis 8. August. Infos: 092 32/ 602 162; www.kulturwunsiedel.de<BR></P><P> </P><P> </P>

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