Premiere am Münchner Volkstheater

Im Theater-Wunderland

Regisseurin Bettina Bruinier zeigt Schimmelpfennigs „Alice“ als Allegorie auf das Erwachsenwerden

Es ist ja so, dass viele vieles mit „Alice im Wunderland“ verbinden. Die Figuren aus Lewis Carrolls 1865 erstmals erschienem Buch sind in der Fantasie der Menschen längst lebendig geworden, haben im besten Fall ihre Herzen gerührt. Die zahlreichen Filmadaptionen des Romans haben ein Übriges dazu getan. Es war daher nicht einfach für Regisseurin Bettina Bruinier, für Roland Schimmelpfennigs Bühnenbearbeitung von „Alice im Wunderland“ eigene, tragfähige Bilder zu finden.
Dies ist Bruinier, deren Inszenierung am Samstag im Münchner Volkstheater Premiere feierte, über weite Strecken gelungen.

Konsequent und schlüssig nutzt sie den Sturz ihrer Hauptfigur hinab in den Kaninchenbau als Allegorie auf das Erwachsenwerden. Und während Alice noch versucht, sich in ihrem absurden Wunderland zurechtzufinden, wispert es am Bühnenrand schon drohend von „Vollkasko-Versicherung“ und „Steuererklärung“ – da kann es einem schon mal bange werden. Auch wenn Alice in diese Welt „zweifellos nicht hingehört“, wie der verrückte Hutmacher zu Beginn ätzt, wird sie am Ende des fast zweistündigen Abends dennoch den weiten, schwarzen Mantel der Queen of Pain tragen – ja, ihn tragen müssen.

Denn nichts anderes als die Welt der Erwachsenen symbolisiert jene Schmerzenskönigin, die dem Kind den Mantel überlässt und die Sophie Wendt so furchterregend-unterkühlt wie mütterlich-verständig spielt. Wenn Alice dem weißen Kaninchen folgt, wenn sie sich in dessen Bau wagt, dann begibt sie sich auf einen Erkenntnisprozess, der sie selbst verändert.

Für diese Reise des Mädchens hat die Regisseurin mit teilweise einfachen Theatermitteln schöne, poetische Bilder erdacht: Alice mutiert zum Riesen und weint deshalb. Mit Wasser gefüllte Luftballons fallen von der Bühnendecke und zerplatzen spritzend! Alice schrumpft. Von der Decke kommt eine Riesenperlenkette, die Schauspielerin Barbara Romaner winzig erscheinen lässt! Alice wird zum Riesen. Die Riesenperlenkette wird durch eine winzig kleine ersetzt, die Romaner nicht über ihren Kopf bringt! Das sind schöne Einfälle, die viel von dem in sich tragen, was das altmodisch anmutende Wort „Theaterzauber“ meint.

Verstärkt wird dieser durch die dreiköpfige Live-Band, die ihren Platz am linken Bühnenrand hat und nicht nur die Lieder der Schauspieler begleitet und Szenen musikalisch untermalt (was ihnen manchmal allerdings zu laut gerät). Die Combo wirkt zudem als Geräuschemacher, lässt Gräser hörbar wachsen, einen Schmetterling fliegen, und wenn Alice in den Kaninchenbau stürzt, pfeift ihr und den Zuschauer der scharfe Fallwind um die Ohren.

Schlicht anzusehen, aber äußerst effektiv ist auch Markus Karners Bühnenbau: ein Gerüst, das drei Spielebenen in unterschiedlichen Höhen bietet. Ein Bau, der Sicherheit suggeriert und dessen Holzplatten sich doch immer wieder krachend lösen und lautstark eine Ebene tiefer rutschen. Denn nichts ist verlässlich in dieser Welt, in die Alice da gestürzt ist.

Barbara Romaner macht aus der Hauptfigur einen sympathischen Naseweis, deren Not, aber auch deren naive Neugierde anrührt. Neben ihr und Sophie Wendt, die zurückgenommen und doch wirkungsvoll spielt, ist es vor allem Nico Holonics, der mitreißt. Sein verrückter Hutmacher ist eine Mischung aus Maximilian Brückners Boandlkramer aus dem „Brandner Kaspar“ und dem Joker, wie in Heath Ledger im jüngsten Batman-Film spielt. Überdreht, fies – doch stilvoll.
Wobei: Diese Inszenierung lebt vom kompletten Ensemble. Denn selbst wenn nicht alle Ideen der Regisseurin funktionieren, macht es stets Freude, den Schauspielern zuzuschauen. Es sind gerade die theoretischen Stellen, etwa die Debatte zwischen Alice und dem sprechend-blasierten Ei Humpty Dumpty oder das Gespräch der Fünf-Uhr-Teegesellschaft, bei denen sich die Regisseurin dem Text beugen muss. Hier fehlen Bettina Bruinier wirklich zündende Ideen für die Umsetzung; nur hier zaudert dieser Abend, der sonst munter und bilderfreudig erzählt ist.

Nächste Vorstellungen:

1., 2., 16., 17. Februar,
Telefon: 089/523 46 55.

von Michael Schleicher

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