Thema Vertreibung

- Über 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sorgt in Tschechien Dramatiker Miroslav Bambusek mit drastischen Werken über die Vertreibung der Deutschen für Aufsehen. Alles drängt sich auf der Tribüne des Prager Off-Theaters "La Fabrika", wenn dort ein Stück des 31-Jährigen aufgeführt wird.

 "Ich und ein enfant terrible?" Bambusek schüttelt den Kopf. "Ich empfinde die Auseinandersetzung mit der Nachkriegsvertreibung von drei Millionen Deutschen als Ausdruck eines natürlichen Reinigungsprozesses. So ähnlich wie die 68er-Bewegung in Westdeutschland", meint er.

"Viele Tschechen stört, wenn ihnen jemand ihr Bild von der Nachkriegszeit nimmt, denn das ist verdammt unbequem."

Miroslav Bambusek

Angefangen hat alles mit einem Stück über den Jugoslawien-Krieg, das Bambusek vor Jahren in kleineren Theatern inszenierte. Eines Tages stieß er auf einen Zeitungsartikel über das Massaker an Hunderten Deutschen in Postoloprty (Postelberg). Dort waren Ende Mai/Anfang Juni 1945 schätzungsweise 800 Deutsche zusammengetrieben und von tschechoslowakischen Einheiten erschossen worden. Bambusek verarbeitete das oft als größtes Nachkriegsmassaker an Deutschen bezeichnete Geschehen als tragischen Nachbarstreit und schaffte sofort den landesweiten Durchbruch: Für "Porta Apostolorum" bekam er im vergangenen Jahr den renommiertesten tschechischen Theaterpreis "Alfred Radok". Es folgte im Januar 2006 das Stück "Trost des Feldweges" über die als "Todesmarsch" bekannte Vertreibung von rund 25 000 Deutschen aus Brno (Brünn).

Theaterstücke als Mittel der Beschäftigung mit der Vertreibung sind in Tschechien nicht völlig neu. Aber nie waren sie so beunruhigend. In "Trost des Feldweges" greift Bambusek zum Beispiel jene Historiker in Deutschland und Tschechien an, die "die Umsiedlung mit der Kaltschnäuzigkeit von Gerichtsmedizinern" analysieren: "Die diskutieren auf staatlich geförderten Konferenzen allen Ernstes zum Beispiel den Einfluss des damaligen Wetters auf den Todesmarsch. Das ist bizarr."

"Viele Tschechen stört, wenn ihnen jemand ihr Bild von der Nachkriegszeit nimmt, denn das ist verdammt unbequem", meint der Dramatiker. "Dabei ist es nichts Schlechtes, sich zu dunklen Kapiteln der Vergangenheit zu bekennen. Diese Gerechtigkeit vor der Geschichte kann alle nur befreien." Natürlich habe es bereits Vereinnahmungsversuche von deutschen Vertriebenen gegeben: "Die kapieren nicht, was ich will. Die Deutschen formen mit der Aufarbeitung des Holocaust und der Selbstreflexion zugleich ihr Selbstbewusstsein. Nur wir wahren noch Tabus."

Derzeit plant der Tscheche ein Stück über eine atomverstrahlte Zone: "Das bedeutet: nichts Deutsch-Tschechisches und Zukunft statt Vergangenheit."

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