Zur Therapie bei Dr. Freud

- Oben an der alpinen Nordkette funktioniert alles nur noch mit Lawinenverbauung. Und rund tausend Höhenmeter tiefer, auf der Bühne des Tiroler Landestheaters, gehts der Flora auch schon ziemlich schlecht. Nur zwei zweidimensionale Bäume ragen rechts und links schamvoll ins Bild. Ansonsten gibt Innsbruck den "Freischütz", die waldigste aller Opern, ohne Forst und Tann. Entrümpelt, puristisch, kühl, manchmal mit bizarrem Humor und - im Bestreben, nur ja keinen Klischee-Alarm auszulösen - oft auch merkwürdig charmelos und unentschieden.

 Hausherrin Brigitte Fassbaender, hier wieder als Regisseurin aktiv, hatte schon im Vorfeld gemeint: Carl Maria von Webers Schlagerparade inklusive Jungfernkranz und Johotrallala, dies alles sei doch höllisch schwer zu inszenieren -wie viele andere, angeblich "dankbare" Repertoire-Reißer. Und das sieht man der Produktion auch an. Die Fassbaender versucht es mit einem mittlerweile üblichen Kniff: Nicht vor dem bösen Buben Samiel oder vor dem dunklen Wald gruselt’s dem Jägerburschen Max, sondern in erster Linie vor dem, was sich in seinem Hirn abspielt.

Ein Außenseiter, verzagt und geplagt von Versagensängsten, sitzt da auf einem Biedermeierstuhl. Und das meiste, was sich auf Bettina Munzers schöner, Lortzinglichter Bühne abspielt, scheint seinen Visionen zu entspringen: der Spott der Dörfler, das Techtelmechtel zwischen seiner geliebten Agathe und Kaspar, auch der überall präsente Samiel, hier mehr Kobold als Gespenst, der einer Schauspielerin anvertraut wurde: Eleonore Bürcher ist dafür mit ihrer wunderlichen Grazie eine gute Wahl. Am Ende bleibt Max nur die Therapie beim Eremiten alias Dr. Freud, für den Dirk Aleschus den mächtigen Rohdiamanten seines Basses in Stellung bringt. Was in solch nacherzählter Kurzfassung Logik entfalten mag, bleibt allerdings in Brigitte Fassbaenders abendfüllender Version problematisch.

Die Schauspielmomente, überhaupt die Figurenzeichnungen gelingen zwar ohne Peinlichkeit, das hat sie vielen Kollegen voraus. Auch kleine, dem Alltag abgeschaute Pointen wie Agathes Teebeutel-Auflagen gegen Augenränder oder der bewusst nervtötend inszenierte "Jungfernkranz" künden von der wissenden, hintergründigen Regisseurin. Doch die Verschränkung von Realität und Schein, von Dämonie und Witz gerät nur unvollkommen. Ebenso wie der Versuch, in der Wolfsschlucht ohne Regie-Krawall auszukommen. Letztlich bleibt auch die Besonderheit eines weiblichen Samiel weitgehend ungenutzt. Und mancher Einfall zielt auf Groteskes, verfehlt aber seine Wirkung: Ein Jägerchor etwa, der während der Umbaupause hinterm Vorhang vergeblich "Was gleicht wohl auf Erden" probt, ist nur bis zum dritten Abbruch spaßig. Sängerisch freilich bewegte sich das Landestheater auf gewohnt hohem Niveau.

Bei Christiane Libors Agathe hört man schon die späteren Strauss-Einsätze mitschwingen: eine große, dunkle Stimme, die zu jubelnder Dramatik fähig ist, sich aber auch zur tragfähigen Mezzavoce reduzieren kann -der eindrucksvollste Auftritt des Abends. Anja Scholz bringt ins Ännchen Mozart’sche Qualitäten ein, gestaltet ganz ohne Soubrettenschärfe. Und Sébastien Soules, an diesem Hause oft mit Mozart betraut, kommt mit dem gewichtigeren Kaspar erstaunlich gut zurecht. Der dämonische Touch mag fehlen, dafür besitzt Soules eine vokale Leichtgängigkeit, auch farbliche Flexibilität, die anderen Bässen fehlt. Christian Voigt war regiegemäß der passive, verkniffene Held. Dass sein diktionsgenauer, im Lyrischen verwurzelter Tenor etwas verspannte, könnte an der Premierensituatiuon gelegen haben.

Nicht viel ändern dürfte sich dagegen an Dietfried Bernets Dirigat. Der abgetönte, spannende Beginn der Ouvertüre blieb ein uneingelöstes Versprechen: Bernet gab sich zwar detailfreudig und interessiert an klanglichen Staffelungen, nahm Webers Musik aber oft alle Gefährlichkeit, ersetzte das durch bloße Wucht, ließ lyrische Passagen auch sängerunfreundlich lahmen. Und das, obwohl mit dem Tiroler Symphonieorchester ein Ensemble von erheblicher Schnellkraft im Graben saß. Das Premierenpublikum brachte -trotz Bravi -den Applaus bald hinter sich. Nach Brigitte Fassbaenders umwerfender "Salome" in der letzten Saison hatte das noch anders geklungen -an die das Haus ja wieder anknüpfen könnte.

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