Thesenhalden statt Theater

- Als Christoph Schlingensief 2004 den Grünen Hügel enterte, weissagte nicht nur die Wagnerwelt Skandal und Schändung. Doch oh Wunder: Nach der "Parsifal"-Premiere gab's lediglich Routine-Buhs, Gruppenbild mit Stoibers und einen Rausch, den der Wohlstandsnarr tags darauf beim Pressetermin nicht auskuriert hatte. Eigentlich nett, was er angestellt hatte - und, da nickten Gelehrte wie Verwirrte heftig, doch hier irgendwie notwendig, nicht wahr?

Ein Jahr später kehrte Schlingensief zu den Bayreuther Festspielen zurück. Er probte sogar (unter Mithilfe von Merkur-Preisträgerin Isabel Ostermann) und entwarf einen neuen zweiten, auch leicht variierten dritten Akt. Statt im Assoziationsmüll zu verschwinden, sind nun tatsächlich Personen über längere Zeiträume auszumachen, zumal die ja - Claus Guths "Fliegender Holländer" lässt grüßen - gleich doppelt und dreifach präsent sind.

Heftigster Buh-Tornado der letzten Jahre

Wir sehen also: Der Held als Heiland mal zwei, Kundry als Salonmieze und im kleinen Weißen, das Double nackt mit roter Scham, auch mal Parsifal würgend. Trauma und Religionsphilosophie, Historie und Humorversuche, Sex und Seelenkunde, Voodoo und Video verschwiemeln kaum kanalisiert miteinander. Leinwände fahren herauf und hernieder, bleiben an der Deko hängen, und die Drehbühne rotiert im Dauereinsatz, sodass man den Inspizienten anflehen möchte, er möge endlich den Stecker ziehen.

Einzelne aparte Gedanken gibt es zweifellos, und das beunruhigend Ritualhafte von Schlingensiefs Performance steckt sicher auch im "Parsifal". Doch ohne Ausführung verpufft alles zur raunenden Beliebigkeit - oder zu Christophs Bildzitaten-Rätselnummer. Der Rest: Thesenhalden ohne theatralischen Instinkt und mit dürftitem Handwerks präsentiert. Was 2004 als konfuse Vielfalt durchging, bekommt beim zweiten Hinschauen den Ruch der Schlarlatanerie, das Publikum reagierte folgerichtig mit dem heftigsten Buh-Tornado der letzten Jahre.

Doch auch wer die Augen schließt, wird nicht froh: Alfons Eberz wuchtet den Parsifal mit Holzfäller-Tenor, bräuchte dringend einen Stilberater. Michelle De Young (Kundry) ist viel zu leicht besetzt, Robert Holl (Gurnemanz) singt schön und neutral. John Wegner dagegen macht als schwarzer Klingsor Bella Figura, ist expressiv und liefert gleich die Konsonanten fürs gesamte Personal. Der Lichtblick: Alexander Marco-Buhrmester, der gar nicht viel anstellen muss, um Wirkung zu erzielen, der auch mit durchgebildetem, attraktivem Bariton und reflektierter Gestaltungskunst aufhorchen lässt.

Obwohl er sich nicht allein zeigte, wurde Pierre Boulez mit Standing Ovations gefeiert. Wieder trat er den Beweis an: So konzis und ungermanisch, so elegant und ausbalanciert kann "Parsifal" klingen. Dies leider ein letztes Mal, denn 2006 ist Boulez nicht mehr dabei. Eigentlich eine Steilvorlage, die Produktion endzulagern, mehren sich doch Gerüchte, viele Bayreuth-Pilger gäben Karten zurück oder versuchten zu tauschen: Wenn Wolfgang Wagners künstlerischer Ehrgeiz schwächelt, muss halt das Ticketbüro Argumente liefern.

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