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Brachte einiges an hochdramatischer Substanz auf die Bühne in Baden-Baden: Linda Watson als Elektra.

Thielemann und die Münchner Philharmoniker mit „Elektra“ in Baden-Baden

Ein Erfolg mit Ankündigung: Christian Thielemann und die Münchner Philharmoniker mit „Elektra“ in Baden-Baden. Die Premierenkritik: 

Weitere Vorstellungen: 1.2. und 4. 2. (Telefon 07221/ 30 13101), konzertant am 7. 2. im Münchner Gasteig (ausverkauft, Karten eventuell an der Abendkasse.)

Seinem Vorbild wäre er, der zeitweilige Karajan-Assistent, damit näher denn je. Gut, die internationalen Kartenkäufer sprechen hier nicht Italienisch wie bei Salzburgs Osterfestspielen. Aber an prall gefüllten Konten steht die russische Gemeinde Baden-Badens, für die es in den Thermen eigene Hinweisschriften gibt, den Reichen vom Stiefel in nichts nach. Auch das Rezept der Winterfestspiele ist karajanesk: gut Verdauliches bis maßvoll Ambitioniertes auf der Bühne des Festspielhauses, entscheidend ist allein eines: der Mann im Graben.

Es ist wie letztes Jahr beim „Rosenkavalier“ die Chronik eines angekündigten Erfolges. Unter Christian Thielemann feiern die Münchner Philharmoniker auch bei Richard Strauss’ „Elektra“ ihr Orchesterfest – und werden übernächstes Jahr für die „Ariadne“ gegen die Staatskapelle Dresden ausgetauscht. Das Operntraining bekommt den Münchnern gut. Und der Debatten-Dampf um Thielemanns provozierten Wechsel nach Dresden hat sich längst verflüchtet. Musiziert wird professionell, prachtvoll und auf Erstliga-Niveau. Endlich, so denkt sich der im Opernhaus oft Enttäuschte und hier kulinarisch reich Beschenkte, eine „Elektra“ aus symphonischem Geiste. 95 Sternminuten – ab jetzt also wieder Hausmannskost?

Münchens Philharmoniker musizieren wie mit Maske. Der dunkle, in den Bläsern sämig-satte Sound ist einem geschärften, an den großen Tutti-Stellen hell oszillierenden Klang gewichen. Gespielt wird mit Schnellkraft, mit Lust am plötzlichen Umlegen des Hebels, manchmal auch, wie im finalen Tanz, mit sich überstürzender Rasanz.

Typisch Thielemann: Notenstenographen könnten fast jede Passage mitnotieren. Details funkeln wie im Blitzlichtgewitter. Die Partiturkenntnis, das Wissen um dramatische Verläufe, auch um die klangliche „Kommentierung“ der Szene, springt einem aus jedem Takt entgegen. Keine Überraschung, dass süffig-sinnliche Stellen funktionieren. Stärker sind aber klangliche Kulissenwechsel: wenn die bedrohlich schleichende Motivik bei Orests Auftritt ins Lamento gleitet, auch wenn beim Erkennen der Schwester ein filigranes Klanggespinst aus dem Geiste der späteren „Ariadne“ entsteht.

Und dennoch: An den „Rosenkavalier“ reicht der Abend nicht heran. Was nur bedingt an der Inszenierung des verstorbenen Herbert Wernicke liegt, die von der Bayerischen Staatsoper importiert und von Spielleiterin Bettina Göschl einstudiert wurde und für die eine breitere, sich drehende Portalwand angefertigt werden musste. Der archaischen Szene stünde Thielemanns musikalische Fülle an sich perfekt. Doch wie schon im aktuellen Bayreuther „Ring“ darf sich der Pultstar mit vokalem Mittelmaß plagen.

Dass die Titelrolle derzeit nicht zu besetzen ist, wird in Baden-Baden schmerzlich erfahrbar. An hochdramatischer Substanz führt Linda Watson zwar einiges ins Feld. Doch tönt ihr Sopran in Extremmomenten wie ein übers Ufer getretener Fluss: konturarm, ohne Attacke – und so diktionsarm, als singe sie die Übersetzung für die russischen Kurgäste. Manuela Uhl bringt zwar die ideale Chrysothemis-Stimme mit, kann aber gestalterisch wenig damit anfangen. Ganz anders Jane Henschel, deren komödienstadelige Klytämnestra man gern ausbremsen würde. Albert Dohmen, obgleich mit knorrigem Baritonmaterial überzeugend, scheint sich wie ein Fremdkörper zu fühlen, während sich am Ende eine kleine Sensation ereignet: René Kollo (Aegisth), der im 74. Lebensjahr nicht nur die lebende Legende gibt, sondern noch immer über eine imponierende Stimme gebietet.

Drei Wochen Proben in Baden-Baden für nur drei Aufführungen, auch das ist Salzburger First-Class-Schnitt. Gleichwohl: Die Spannung von Wernickes Inszenierung, die ihre Kraft aus der kontrastierenden Ruhe, aus langen Blicken und kleinen Gesten schöpft, ist verflogen. Wer monologisiert, den drängt’s an die Rampe, Thielemann fest im Blick. Gut möglich, dass der Regisseur der in einigen Monaten erscheinenden DVD hier mit Schnitten und Großaufnahmen zaubert. Auch für die knappen Spitzentöne der Titelheldin sollte sich eine technische Lösung finden lassen.

Markus Thiel

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