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Wer Christian Thielemann nur am Konzertpult kennt, der wird vom ausgelassenen Dirigenten im Orchestergraben überrascht sein.

Mit Thielemann im Orchestergraben

Ein Dirigent im Mittelpunkt der Bayreuther Festspiele: Christian Thielemann rettet im Alleingang den szenisch blutarmen „Ring“ und wird vom Publikum gefeiert. Mit ihm steht auch München im Zentrum der immer gleichen Frage: Warum verzichtet eine Stadt ohne Not auf diesen Chefdirigenten? Wir haben ihn im Orchestergraben beobachtet.

Katharina Wagner lässt sich gerne mal vom Fernsehen ablenken. Nicht vom Privat-TV oder den Öffentlich-Rechtlichen, sondern vom hügeleigenen Kamera-Signal aus dem Orchestergraben – vor allem dann, wenn Christian Thielemann am Pult steht. Seit zehn Jahren dirigiert er hier, und diese Dekade hat seinen Ruf als führender Wagner-Interpret der Gegenwart gefestigt.

Wer Thielemann nur vom Konzertpult kennt, wird vom ausgelassenen Dirigenten im Bayreuther Orchestergraben geradezu überrumpelt. Keine Spur von der allgegenwärtigen Korrektheit im Auftreten, der starken Kontrolle des dirigentischen Einsatzes: Bequem auf dem hohen Dirigierstuhl über den nach unten abfallenden Plätzen der Musiker halb sitzend und halb stehend gibt er ein Musterbeispiel an gemeinschaftlicher Klangformung mit dem Festspielorchester, das visuell mehr hermacht als die gähnenden szenischen Leerstellen auf der Bühne.

Etwas aus dem Filmdraam „Das Boot“

Das Ganze hat etwas aus dem Filmdrama „Das Boot“: Eng ist es hier unten, die mehr als hundert Musiker – und wenigen Musikerinnen – müssen mit sehr wenig Platz auskommen, der Raum für Armbewegungen der Streicher und der benötigte Platz für die Bläser ist teils auf Millimeter abgezirkelt. Und gegen Ende des „Siegfried“-Abends ist das würzige Dampfsauna-Ambiente in mehrfacher Hinsicht komplett.

Diesen beengten Apparat steuert Thielemann von seiner erhöhten Sicht – blickt er auf, hat er die Bühne vor sich. Er arbeitet im wahrsten Sinn im Mehrschichtbetrieb: Mit der Exaktheit eines Organisten im weithallenden Kirchenschiff koordiniert er die unterschiedlich schnell eintreffenden Klanggewerke von Bühne und den acht Höhen-Abstufungen im Graben. Nahezu ein Wunder, dass all das im Zuschauerraum zusammenfindet – und keineswegs ein Wunder, dass viele Dirigenten an dieser Akustik scheitern, den Klang nicht zusammenbekommen.

Höchstes Vertrauen für Thielemann

Im zehnten Jahr seines Bayreuther Wirkens kann sich Thielemann auf sein Festspielorchester blind verlassen. Höchstes Vertrauen, dass mit Disziplin und größter Konzentration gewürdigt wird: Der rechts den Takt schlagende und mit links den Klang formende Maestro gibt nur an, was wirklich gebraucht wird, lässt Selbstverständliches und in den Proben Erarbeitetes seinen Weg gehen und greift nur in Zweifelsfragen ein.

Das gilt auch für den Bühnenkontakt: Es ist ein Miteinander von Vollprofis in Sachen Wagner, keine Zwangsveranstaltung eines Pult-Autokraten. Thielemann hilft nur, wo nötig – und wenn sich nach einer besonders schön gesungenen Phrase seine hochkonzentrierte Miene aufhellt und – höchstes Lob – der linke Daumen „Gut gemacht!“ signalisiert, schwappt mehr Stimmungsaufheller auf die Bühne und in den Graben, als der wonnige Mond in den „Winterstürmen“ des „Walküre“-Abends von Regie und Siegmund-Tenor bekommen hat.

Auf dirigentische Maßregelung wartet man über Stunden vergeblich: Da ist es schon das höchste der Gefühle, wenn Thielemann – um gelegentlich etwas zu viel aufgebotene Kraft aus dem Orchester herauszunehmen – in die entspannte Rückenlage gegen die Wand zurückweicht. Ein kleiner körperlicher Wink, der auf das Orchester allerdings wirkt, als ließe man aus einem Dampfkochtopf den Druck entweichen. Anspornen muss man die Musiker ohnehin nicht – einen aufmunternden Blick in Richtung Bläser kann man sich sparen, sie werden schon nicht zu zaghaft spielen.

Katharina Wagner lässt sich ablenken

Dann schon lieber Klanggewühle in den Streichern: Für die zarteren Momente des „Siegfried“, etwa den Geigenteppich für Brünnhildes „Ewig war ich“, formt Thielemann nach links und rechts Ton für Ton, ohne dass es belehrend wirkte. Ähnlich tief greift er nur noch für die großen Schlusssteigerungen der Akte ein – hier hält es ihn kaum noch auf dem Stuhl, ein Rucken und Zucken lässt das Orchester noch einmal ins ekstatische Finale auffahren: Kein Wunder, dass sich Katharina Wagner bei der Büroarbeit gerne einmal von diesem Anblick ablenken lässt.

Eines der größten Komplimente kommt nach diesem Abend allerdings nicht von Publikum oder Festspielchefin, sondern von jenem Schwarzhändler vor dem Festspielhaus, der hier wie jeden Abend die „Ring“-Dauerkarten einsammelt und den Erfolg des Noch-Münchners nur von außen hört: „Den Thielemann muss ich unbedingt einmal hier hören. Nächstes Jahr setze ich mir eine Perücke auf und setze mich einfach rein.“

Von Claus Ambrosius

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