Thielemann und sein "Ring"

- Ein bisschen graben, dann die passende Waffe anwenden, und die beiden Straßenarbeiter wären gemachte Männer gewesen: Fafner erlegt, Schatz geplündert, den Knochenjob an den Nagel gehängt - und Jung-Sigi hätte sich den Marsch auf den Walkürenfelsen sparen können. Stattdessen verlassen die beiden ihr Bauzelt, gehen achtlos des Wegs, während die Sage zehn Meter unter ihnen weitertobt.

Frank Philipp Schlößmanns Bühne für den zweiten Akt des neuen Bayreuther "Siegfried" ist die wohl stärkste Verbildlichung dieses "Ring"-Vorhabens. Oben eine reale, unfertige Straßenbrücke, darunter dräut der Märchenwald aus abgesägten Bäumen, zwischen denen sich bald die Erdspalte auftut und viel Nebel das Erwachen des Drachens markiert. Doch statt beide Welten aneinander zu "reiben", aus dem Kontrast Erkenntnis und manche Pointe zu gewinnen, bekommen Regisseur Tankred Dorst und Mitarbeiterin Ursula Ehler Angst vor dem eigenen Konzept.

Regie-Beliebigkeit

Als Verlegenheitslösung gibt es eine muntere Kinderschar, die kurz durch die Szene läuft, und ein lächerliches Faschingswaldvögelein, das sich besser die "große Katze Sexualität" geholt hätte. Doch die, ursprünglich geplant als symbolhafte Wächterin übers Siegfried/ Brünnhilden-Duett, musste Dorst offenbar auf Geheiß des Festspielleiters streichen. Was bleibt, ist der heruntergekommene Naturkunde-Saal des ersten Akts oder der schon bekannte Steinbruch, in dem Brünnhilde auf der Palette ihrem Helden entgegenschlummert. Aber warum überhaupt dieser Ausstattungs-Realismus, wo doch alles in Beliebigkeit versandet und die Solisten zudem so tun, als stellten sie die Uraufführung von 1876 nach?

Peinlich wird es, wenn Entscheidendes wie Siegfrieds Schwertschmieden hinter einem Paravent versteckt wird und die Begegnung Wotan mit Erda im bläulichen Nichts passiert: Eine Regie kapituliert vollends. Dabei gelang dieser dritte "Ring"-Teil deutlich munterer als die lebenden Bilder bei "Rheingold" und "Walküre". Sicher ein Verdienst der Sänger, die sich - unbehelligt von Personenführung - aus eigenem Erfahrungsschatz bedienten.

Gerhard Siegel (Mime) demonstrierte dabei, dass Solisten nicht nur einen Motivator, sondern gelegentlich auch einen Bremser brauchen. Wie von der Leine gelassen, bot er eine expressive, grelle, stimmlich erstaunlich frische Zwergenkarikatur, die er aus seinem Nürnberger "Ring" mitgebracht hatte. Und auch Stephen Gould, dieser naiv-tapsige, sympathische Siegfried, wäre ein darstellerisches Naturtalent. Stimmlich allerdings gab er, der doch vor zwei Wochen in München als Erik überzeugte und dem 2005 ein Bayreuther Muster-Tannhäuser glückte, Rätsel auf. Sein Tenor klang belegt, eng, glanzlos, oft schien's, als müsse Gould permanent gegen eine Barriere ansingen. In den Lyrismen des zweiten Akts fing sich der Amerikaner, doch blieb sein Rollendebüt (noch) enttäuschend.

Solo-Vorhang für Dirigent

Falk Struckmann als Macho-Wotan hatte dagegen seinen besten "Ring"-Tag erwischt. Zum mächtigen Klangstrom gesellten sich nun auch der eine Konsonant oder die andere Farbschattierung: etwas mehr Differenzierung, und Struckmann könnte an große Bayreuther Vorgänger heranreichen. Andrew Shore (Alberich) und Jyrki Korhonen (Fafner) erreichten dieses Festspiel-Format nicht. Eher schon Mihoko Fujimura (Erda), Robin Johannsen (Waldvogel) und - in manchen Passagen - Linda Watson als Brünnhilde. Extrem gelegene Phrasen verflatterten zwar gern im Diffusen. Doch dass sie sich oft auf lyrische Linienführung besann, ihre Stimme zurücknahm, um kontrollierte Steigerungen zu entwickeln, deutete hin auf eine kluge Selbsteinschätzung.

Vom im Vorfeld so bezeichneten "Dorst-,Ring’" ist dieses Projekt längst zum "Thielemann-,Ring’" geworden. Ein weiteres Mal waren's nicht nur die mächtig aufrauschenden Stellen, die begeisterten, sondern Thielemanns beispiellose Detailarbeit, auch das Erspüren der emotionalen, dramatischen Situation: Wie etwa die Musik, nachdem Siegfried vom Tod der Mutter erfahren hat, an einen Stillstand gerät, sich nur langsam wieder "fängt", wie auch die Vorspiele zum ersten, vor allem zum zweiten Akt zur Psychostudie werden, die nicht nur Siegfried, sondern auch manch Wagnerianer das Fürchten lehrten, das war wirklich einzigartig. Und dass Thielemann, der emphatisch Gefeierte, stets einen Solo-Vorhang mehr bekommt als die anderen, hat ja auch was Pikantes: Sollte sich da schon ein Mitglied der künftigen Festspielleitung verbeugen?

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