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„Ich fühlte mich aufgenommen wie ein Sohn“, sagt Dirigent Christian Thielemann über seine Begegnung mit Wolfgang Wagner. Das Bild entstand im Jahr 2002 nach dem Schlussapplaus für die „Meistersinger von Nürnberg“ auf der Bühne im Bayreuther Festspielhaus.

Thielemann würdigt Wolfgang Wagner: „Er hatte etwas Väterliches“

Proben-Finale. Noch einmal das berühmte Pilgerthema. Ganz vom Anfang der „Tannhäuser“-Ouvertüre, wo es sich zart aus der Stille schält. Dann Abbruch: „Sie haben ja sicher schon von der traurigen Nachricht gehört“, sagt Christian Thielemann.

Und auf sein Bitten erhebt sich gestern Mittag die Hundertschaft der Münchner Philharmoniker in der Osaka Symphony Hall zum stillen Gedenken für Wolfgang Wagner. Hier, Tausende Kilometer von Deutschland entfernt, am Beginn der Japan-Reise, ist der Tod des früheren Bayreuther Festspiel-Chefs auf einmal sehr, sehr nah.

Minuten später in der Dirigenten-Garderobe ist die beklommene Stimmung etwas verflogen. Christian Thielemann, weltweit wichtigster Interpret des großen Richard, würdigt den Enkel als „Symbolfigur“, als „Überschatten“ für die Nachfolger, als einen Intendanten, wie es ihn nie mehr geben werde. 1999 hatte Thielemann mit den „Meistersingern“ in Wolfgang Wagners Inszenierung auf dem Hügel debütiert. „Er hatte sofort etwas unglaublich Väterliches“, erinnert sich der Dirigent. „Ich fühlte mich aufgenommen wie ein Sohn. Es ist ein sehr persönliches Verhältnis geworden.“ Was so weit ging, dass Thielemann auch auf die musikalischen Ratschläge einging: „Ohne ihn würde ich Wagner nicht so dirigieren.“

Vor allem eines habe ihm der Festspielchef geraten: „Bleiben Sie flüssig.“ Und damit Thielemann vor zu gemäßigten Tempi in der kniffligen Akustik gewarnt. Manchmal konnte es sogar passieren, dass während einer Probe im Graben das Telefon blinkte und Thielemanns Assistent dran war. „Herr Wagner sagt, es ist zu laut“, bekam der Dirigent zu hören. „Dann habe ich abgebrochen und es dem Orchester gesagt – weil er Recht hatte.“

Ein Über-Familienvater also. Und aus Thielemanns Anekdoten, mit denen er liebevoll vom Verstorbenen schwärmt, wird deutlich: Gerade wegen dieser Stimmung, wegen dieses unvergleichlichen Bayreuther Geistes und nicht nur wegen des Repertoires, zieht es Thielemann alljährlich nach Oberfranken. „Das Tollste war: Man konnte ihn immer sprechen, das habe ich bei keinem anderen Intendanten erlebt.“ Schrecken konnte Wagner dabei nichts. Auch nicht jener Moment – und damit ist Thielemann bei seiner Lieblingsanekdote gelandet –, als der Dirigent nach schweißtreibendem Einsatz duschte, aus der Nasszelle kam und der Chef vor ihm stand. „Er im Smoking und legte sofort los, über Besetzungen, dies und das. Und als ich ihn entschuldigend anschaute, hielt er kurz inne: ,Ich habe schon mal einen nackten Mann gesehen‘. Und redete dann weiter.“

Dennoch: Wagner sei „sehr autoritär“ gewesen, sagt Thielemann – obgleich er nie selbst den Zorn des Festspielchefs zu spüren bekam. „Von wegen Team. Er entschied. Auf seine Art. Er hat aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht, war aber nie nachtragend.“ Zwei Wochen ist es her, dass Thielemann zum letzten Mal bei Wolfgang Wagner war. Nach einem Vorsingen im Festspielhaus habe er dem 90-Jährigen von den Solisten berichtet. „Er hat mich erkannt. Das merkte ich, wie er die Hand drückte, auch wie er dem Gespräch folgte.“

Ein großer Theatermann eben, der bis zuletzt an seinem Lebenswerk Anteil nahm. Und dessen Art, die Festspiele zu führen, für Bayreuth lebensnotwendig sei, glaubt Thielemann, der das Vermächtnis des großen Alten bei seinen Töchtern in besten Händen sieht. Es habe keinen Zweck, an und in Bayreuth etwas zu ändern, wo sich vieles dank Wolfgang Wagners Erfahrung bewährt habe. „Man kann ja auch nicht sagen: Wir erfinden mal das achteckige Rad. Irgendwann kommt man wieder aufs runde.“

Markus Thiel

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