Christian Thielemann startet am Donnerstag in seine letzte Saison am Pult der Münchner Philharmoniker.

Thielemanns letzte Saison am Philharmoniker-Pult

München - Christian Thielemann hört auf: Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht der Dirigent über die achte Symphonie, seine letzte Saison in München und Unterschiede zu Dresden.

Ihren Beinamen „Symphonie der Tausend“ hat Mahlers Achte von der Uraufführung in einer Halle auf der Münchner Theresienhöhe. Damals, am 12. September 1910, bevölkerten wirklich mehrere Hundertschaften von Chören und Orchestermusikern die Bühne. Hundert Jahre später gibt es nun zwei Jubiläumskonzerte der Münchner Philharmoniker im Gasteig (15. und 17. Oktober). Eine Chefsache. Was insofern überrascht, als Christian Thielemann bislang um Mahler einen Bogen machte. Zugleich startet der künftige Dresdner GMD damit in seine letzte Münchner Saison.

Allgemein heißt es, Thielemann und Mahler, das schließt sich aus. Ein Trugschluss?

Ich habe eben nicht so viel Mahler dirigiert: die zweite Symphonie, das Adagio aus der zehnten und Lieder. Ich gehe an Mahler sehr vorsichtig ran, und jetzt bietet sich eben eine Gelegenheit dazu. Es sieht so aus, als ob man mit Mahler schneller Erfolg hat. Wenn man ein Beethoven-Opus versemmelt, ist das sehr übel. Wenn man Mahler zweitklassig dirigiert, macht das immer noch wahnsinnigen Effekt, weil die Werke so hervorragend kalkuliert sind. Ich denke mir immer, man müsste an Mahler ganz anders herangehen.

Was heißt „anders“?

Wenn da Fortissimo steht, muss man das besonders behandeln. Man muss die Effekte kanalisieren. Bei Strauss ist das ähnlich: Wenn man ihn genauso spielt, wie es in der Partitur steht, ist alles zu laut. Wenn man Mahler überzieht, nimmt man ihm die Wirkung und macht eigentlich eine Karikatur daraus. Ein schwieriger Balanceakt. Und der gelingt Kollegen wie Bernard Haitink oder Claudio Abbado. Dieser Musik bekommt eine gewisse Zurückhaltung ungeheuer. Die älteren Dirigenten, auch Mariss Jansons übrigens, lassen sich nicht von jedem Crescendo und jedem Fortissimo hinterm Ofen vorlocken. Der Mahler ist ein großer Verführer. Ein Verführer zum Übertreiben. Vielleicht sollten ihn jüngere Kollegen gar nicht dirigieren – oder mit viel mehr Vorsicht.

Sie haben einmal angedeutet, dass Ihre Art der Interpretation sich nicht immer mit Mahler vertragen könnte.

Die Musik, mit der ich mich vorwiegend befasse, kommt meiner Herangehensweise irgendwie entgegen. Aber das ist eben die Aufgabe eines Kapellmeisters: dass man stilistische Unterschiede erkennt und sie umsetzt.

Bei der achten Symphonie taucht nun das Problem auf, dass sie quasi Mahler in Potenz bietet.

Sie scheint geradezu überzukochen. Und sie hat ja keine Interpretationsgeschichte wie seine anderen Stücke. Weil sie natürlich aufgrund ihrer gewaltigen Zahl an Mitwirkenden nicht häufig aufgeführt werden kann. Und weil es hier viel mehr um eine Koordinationsaufgabe geht. Deshalb wird das für uns alle ein Abenteuer sein. Es ist übrigens jammerschade, dass wir die Achte nicht an ihrem Uraufführungsort machen können, in der alten Messehalle auf der Theresienhöhe. Es sei zu teuer, die Ausstellungsstücke des Deutschen Museums dafür herauszuräumen, sagte man mir. Irgendwie enttäuschend.

Gibt es noch andere Komponisten, bei denen Sie sagen: Zu denen finde ich keinen Zugang – oder die kommen noch?

Ach, wissen Sie, es gibt viele tolle Sachen, die ich mir vorgenommen habe. Das kommt alles nach Gusto – und hängt davon ab, ob ich überhaupt die Zeit dazu finde. Was mir nicht liegt: dieses Depressive in der Musik. Vielleicht, weil ich das zu ernst nehme.

Mahler war ganz genau mit Partituranweisungen. Ist das eine Hilfe oder eher ein Korsett?

Wenn man sich das genau anschaut, dann verstehen sich die meisten Stellen von alleine. Wenn er da notiert „langsam in Halbe übergehen“, dann denke ich mir: Hätte ich sowieso gemacht. Mahler hat in einer Zeit gewirkt, in der es wahrscheinlich mit der Befolgung von Vorschriften nicht so weit her war. In der man also sehr freizügig mit den Vorlagen umging. Deshalb hatte er wohl Angst , dass die Kollegen alles falsch verstehen.

Mahlers Achte ist zugleich das Auftaktkonzert für Ihre letzte Münchner Saison. „Ich grolle nicht“, heißt es in Schumanns „Dichterliebe“. Und Sie?

Ganz im Gegenteil. Ich freue mich auf diese letzte Saison. „Alea jacta est“, heißt es doch. Es ist alles geklärt. Ich bin nicht nur heiter, sondern bestens gelaunt, weil wir so viele schöne Projekte vor uns haben.

Aber man ist doch mit dem Kopf schon bei der neuen Aufgabe.

Partiell ja. Aber es ist nicht so, dass man die alte Aufgabe in den nächsten Monaten einfach abarbeitet. Die Gewitterwolken haben sich eigentlich schon vor der letzten Spielzeit verzogen, als die Dresdner Geschichte in trockenen Tüchern war.

München ist in der „Opernwelt“-Umfrage zum Ärgernis des Jahres gewählt worden. Das betrifft Ihren Wechsel nach Dresden, den baldigen Weggang Kent Naganos von der Staatsoper, die dortige Intendanz von Nikolaus Bachler und den Umbruch am Gärtnerplatz. Liegt die hiesige Kulturszene wirklich so darnieder?

Jetzt muss ich diplomatisch sein. Man muss hier zwischen Stadt und Staat unterscheiden. Ich hätte mir in meiner Angelegenheit natürlich gewünscht, früher gehört zu werden. Man hatte mich vor vollendete Tatsachen gestellt. Zu den anderen Sachen kann und möchte ich nichts sagen. Es sieht nach einer Häufung von unglücklichen Dingen aus. Aber ob man das alles in einen Topf werfen kann...? Es gibt eben meistens einen „Point of no return“. Und der ist hier offenbar gleich mehrfach erreicht worden.

Wie lassen sich die beiden Kulturszenen München und Dresden vergleichen?

Natürlich sind die Mentalitäten der Menschen unterschiedlich. Aber die beiden Städte haben mehr Gemeinsamkeiten, als man so denkt. Es sind beides Residenzstädte, die sehr auf die Kultur achten. Das finde ich etwas Wunderbares. Ich wechsle also komischerweise gar nicht in eine andere Atmosphäre.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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