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In der „Familienhölle“: Barbara Melzl als die jüngere der Worringer-Schwestern, Ulrike Willenbacher als ältere und Stefan Hunstein als ihr Bruder Ludwig (v.li).

„Ritter, Dene, Voss“: Eine Inszenierung, die sitzt

München - Thomas Bernhard hat es wieder auf die Bühne geschafft. In München brachte das Cuvilliés-Theater sein Stück „Ritter, Dene, Voss“ auf die Bühne. Eine Inszenierung, die saß - mit Widerhaken.

Seine Lieblings-Ingredienzien: Auch in „Ritter, Dene Voss“, einem Stück über reiche, intellektuelle beziehungsweise künstlerische Geschwister, mixt Thomas Bernhard wieder hinterhältigen Familien-Kleinkrieg, Ärzte-, Schauspieler- und Maler-Abscheutiraden sowie skurrile Vorlieben für Stoffe und spezielle Kleidungsstücke; in diesem Fall Männerunterhosen aus, bitte, nicht-weicher Baumwolle. Dieses Werk, das nach den Schauspielern Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gert Voss benannt ist, 1984 entstand und 1986 uraufgeführt wurde, hatte am Sonntagabend im Münchner Cuvilliés-Theater des Bayerischen Staatsschauspiels Premiere.

Die Besetzung

Regie: Antoine Uitdehaag. Bühne: Tom Schenk. Kostüme: Ann Poppel. Darsteller: Stefan Hunstein (Ludwig), Ulrike Willenbacher (seine ältere Schwester), Barbara Melzl (seine jüngere Schwester).

Antoine Uitdehaag hat die Regie übernommen. Und Ulrike Willenbacher, Barbara Melzl sowie Stefan Hunstein haben die schwere Aufgabe, gegen jenes legendäre Widmungs- und Uraufführungs-Trio anzuspielen, das diese berühmte Inszenierung von Claus Peymann auch noch – hoch bejubelt – 2004 zu Thomas Bernhards 15. Todestag wiederaufleben ließ. Aber das Münchner Team hat sich gut geschlagen – getragen von Bernhards fabelhaft sprechmusikalisch komponiertem Theatertext und getragen von ausgesprochen amüsierten Zuschauern. Gerade an Einzel-Lachern merkt man, wie manche Bernhard-Bemerkung mitten ins Leben dieses einen Menschen trifft. Das sitzt – mit Widerhaken.

Im prunkvollen Rokokotheater ist das Repräsentative auch auf die Bühne gewuchert (Tom Schenk). Schon die Vorhangfläche besteht aus den typischen großgemusterten Schlosstapeten. Die umklammern dann das hochherrschaftliche Speisezimmer der Worringers, das, herausgehoben wie auf dem Präsentierteller, im Bühnenraum schwebt. Im Hintergrund führt eine riesige Flügeltür in den schwarz-weiß gefliesten Vorraum. Auch wenn die jüngere Schwester ganz zu Beginn ein Fenster nach draußen öffnet – ein Entkommen gibt es aus der „Familienhölle“ nicht. Aber will das überhaupt einer?

Bernhard hat mit seinem Stück den Schauspielern einen grandios feingewebten Teppich ausgelegt, sodass sie wirklich alles sein können: sympathisch und unsympathisch, klug, kindisch, zart, brutal, weise, total ungerecht, einsichtig, stur, scharfsinnig. Dass ein einzelner Mensch das tatsächlich in sich vereinigt, belegen Willenbacher, Hunstein und Melzl mit sichtlichem Spielgenuss, der sicher noch größer wird, wenn die Premierenanspannung abgefallen ist. Die Schwestern, im Grunde Lebenspartnerinnen, stecken zunächst das (Schlacht-)Feld ab. Die Ältere wollte den Bruder unbedingt daheim haben. Ihre selbstgewählte Lebensaufgabe richtet sich darauf, ihn zu beglucken. Die Jüngere gibt die Mondäne, die weiß, dass ihr nichts bleibt – und die Geschwister.

Die Handlung

Die Ältere der Worringer-Schwestern hat ihren Bruder Ludwig, einen Philosophen, aus der Psychiatrie nachhause geholt. Nun deckt sie den Tisch fürs erste Essen zu dritt. Dann erscheint der Bruder, und es folgt das spannungsgeladene Speisen: heftige Turbulenzen, bis wieder Ruhe einkehrt.

Willenbacher in silbergrauer Schleifenbluse und Faltenrock gibt das leicht beleidigte Hausmütterchen. Sie spielt dezent, wie die Schwester das hyperhyperkorrekt spielt. Die ist eigentlich eine reiche Frau und hat natürlich eine Hausangestellte. Dennoch wird der Tisch millimeterpräzise gedeckt. Ulrike Willenbacher lässt zwischen all der betulichen Geschäftigkeit immer wieder aufblitzen, dass ihre Figur doch diejenige in dem Familiendreieck ist – im Hintergrund naturgemäß die Eltern –, die bestimmt. Barbara Melzl im Rosee-Fähnchen (Kostüme: Ann Poppel) darf bei Uitdehaag kräftig aufdrehen. Sie kirrt und stichelt, provoziert und analysiert, raucht ununterbrochen und säuft. Auch Melzl spielt (bisweilen zu übertrieben), wie die jüngere Schwester diese Familienfunktion bewusst spielt. Dass die beiden überdies manchmal als Schauspielerinnen auftreten – man besitzt 51 Prozent am Josefstädter Theater (!) –, ist eine zusätzliche Facette in diesem Verwirrspiel der Geschwister. Durch Melzls forciertes Auftreten arbeitet die Inszenierung außerdem die inzestuöse Beziehung der drei heraus – bis zur heftigen Sex-Umarmung von Ludwig und der Jüngeren. Uitdehaag ist es hier wichtig, plakativ zu demonstrieren, wo doch alles andere wahr und zugleich unwahr erscheint. Das übrigens ein wunderleicht verschmitzter Kommentar Bernhards zu Ludwigs philosophischem Werk, der „Logik“. Der Autor notierte 1984, dass er beim Schreiben vor allem an „meinen Freund Paul“ und dessen Onkel Ludwig Wittgenstein, berühmter Top-Logiker, gedacht habe.

Nächste Vorstellungen

23., 29.12.,1.1., 5.1., Karten: 089/ 21 85 19 40.

Jene plumpe Demonstration verbietet sich Stefan Hunstein meistens in seinem Spiel. Als hektischer, zerzauster schwarzer Vogel Ludwig zerwühlt er das Nest der Schwestern. Das Ironische, Lausbubenhafte erlaubt er seiner Figur noch zu wenig. Sehr gut ist aber, dass er dessen Pein bei all den grotesken Aktionen zwischen Bilder-Umhängen, Brandteigkrapfen-Tobsucht und Unterhosen-Begeisterung durchscheinen lässt. Intensiver Applaus.

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