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Unglückliches Familienleben: Vater Tyrone (Oliver Nägele, li.) und sein jüngster Sohn (Franz Pätzold).

Premiere am Bayerischen Staatsschauspiel

Seelendreck-Wühlerei

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München - Thomas Dannemann inszenierte fürs Bayerische Staatsschauspiel im Cuvilliéstheater „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ von Eugene O‘Neill. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik: 

Und ewig tutet das Nebelhorn. Denn Nebel herrscht oft in der Gegend, wo die Tyrones wohnen. Vor allem herrscht er bildlich in den Sucht-vernebelten Hirnen dieser Familie. Er wallt durch deren gemeinsame Verdrängung, durch „all die Verstellung“ zur Aufrechterhaltung der Fassade. Dabei haben es die Tyrones eigentlich geschafft: Vater James (Oliver Nägele), der aus ärmsten Verhältnissen kommt, ist als erfolgreicher Schauspieler reich geworden und kauft ein Grundstück nach dem anderen. Ist das nicht die Erfüllung des amerikanischen Traums? Aber um welchen Preis! Mutter Mary ist morphiumsüchtig. James selbst säuft wie ein Loch, der ältere Sohn (Aurel Manthei) säuft noch mehr, und dann stellt sich auch noch raus, dass der jüngere Sohn (Franz Pätzold) Tuberkulose hat.

Vier großartige Schauspieler

Wie bei solchen Familiensumpf-Texten üblich, werfen sich alle gegenseitig vor, was sie sich schon immer mal vorwerfen wollten, alle hassen einander, aber sie lieben einander auch, alle wollen einander schonen und verletzen. Grad zünftig is’!

Wenn man dann das Pech hat, diese Seelendreck-Wühlerei von vier großartigen Schauspielern extrem lebensnah dargeboten zu kriegen, wird die familiäre Selbstzerfleischungsorgie vollends unerträglich. Wobei zur Ehrenrettung der drei Männer sogar zu sagen ist, dass sie mit dem geradlinigen Broadway-Realismus, den Regisseur Thomas Dannemann ihnen abverlangt, kaum glücklich scheinen: Sie kommen nicht umhin, ansatzweise zu chargieren (wenn auch virtuos) – und die Figuren so als die Klischees zu entlarven, die sie längst sind.

Einzig Sibylle Canonica, die hier endlich mal wieder ihre ganze Meisterschaft im Brüchigen, Flackernden, Filigranen entfalten darf, gelingt es, die Mutter der Suchtfamilie vor den Untiefen des Naturalismus zu bewahren. Was insofern leichter fällt, als diese Morphinistin an die Grenzbereiche des Wahns streift und daher gut mit einem Drall ins Irreale zu versehen ist.

Das Drama hat autobiografische Züge

Auch wenn O’Neills Drama „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ (1940) autobiografische Züge trägt – es weist eigentlich über die bloße Psycho-Tragödie hinaus. Denn das Hauptproblem der Tyrones (wie aller Familien) besteht darin, dass sie der Ideologie der Eigenverantwortung auf den Leim gehen: Jeder glaubt, er selbst oder ein anderes Familienmitglied sei schuld am Unglück. Auf die Idee, dass ökonomische und gesellschaftliche Zwänge dessen eigentliche Ursache darstellen, kommt überhaupt keiner – auch diese distanzlose Inszenierung nicht, die einmal mehr das Stereotyp der verkorksten Familie aufwärmt, die Ursache statt Wirkung des Übels sein soll.

Überdosis an psychologischem Realismus

Wenn Dannemann das angestaubte Sucht-Kammerspiel altbacken vom Blatt spielen lässt, ist das um so erstaunlicher, als ihm Bühnenbildner Johannes Schütz eine schöne Verfremdungs-Steilvorlage geliefert hat mit einem Boden, der knapp über dem Boden schwebt: An Stahlseilen aufgehängt, verdeutlicht diese schwankende Spielfläche den Zustand der besoffenen Figuren und hätte dazu eingeladen, das humorlose Gerappel in der Psychokiste als Schwank gegen den Strich zu bürsten.

Angesichts der Überdosis an psychologischem Realismus, mit dem uns hier ranzige Familienabgründe kredenzt werden, sehnt man sich fast nach ein bisschen emotionsfreierem, unvernebeltem „Performance“-Theater. Heftiger Applaus.

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