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Viel gefragt in München: Thomas Hengelbrock.

Thomas Hengelbrock: „Ich teile mit dem Orchester mein Leben“

München - Thomas Hengelbrock hat zurzeit reichlich in München zu tun – am Sonntag dirigiert er die Philharmoniker.

Hengelbrock hier, Hengelbrock dort. Der Dirigent ist derzeit und auch noch im nächsten Jahr in München so präsent wie Rossinis Barbier in Sevilla. Von diesem Sonntag an steht er am Pult der Münchner Philharmoniker, die ihn nach einer kurzfristigen Übernahme im Jahr 2008 wieder einluden. Diesmal zu Mozart (Sinfonie G-Dur KV 318), Tschaikowsky (1. Klavierkonzert mit Alice Sara Ott) und Bartók (Konzert für Orchester).

Nur zwei Wochen später taucht Hengelbrock beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf: Mit den BR-Symphonikern arbeitet er schon seit vier Jahren zusammen. Heuer steht Mendelssohns „Elias“ auf dem Programm. Lachend verrät Hengelbrock, dass er im kommenden Frühjahr auch noch mit dem Bayerischen Staatsorchester anbandelt. Allerdings werden nicht die Münchner in den Genuss dieser Zusammenarbeit kommen, sondern die Scheichs in Abu Dhabi – dort gibt es eine große Opern-Gala. Hengelbrock freut sich: „Die Orchestermanager haben das sehr kollegial miteinander abgestimmt. Für mich ist es eine große Ehre, so viel in München präsent zu sein.“

Im Sommer 2010 dirigiert er auch den städtischen „Parade“-Auftritt der Philharmoniker: Das Open Air am Odeonsplatz. Zuvor erarbeitet er mit dem Orchester Haydns „Schöpfung“ und im Februar 2011 tritt er dann wieder ans Pult der BR-Symphoniker.

Strahlend. Denn das ist eines seiner Markenzeichen. Kein Wunder, wenn man die Arbeit so erlebt, wie Hengelbrock sie beschreibt: „Ich arbeite nicht nur mit einem Orchester, ich teile mit ihm mein Leben. Denn es ist etwas sehr Intimes, gemeinsam Musik zu machen. Das Musizieren beschert glückhafte Begegnungen, und oft entstehen daraus Freundschaften.“

Von 2011 an wird Thomas Hengelbrock seine Münchner Freunde zwangsläufig etwas vernachlässigen müssen. Denn dann warten große Aufgaben: Als Bayreuth-Debütant wird er einen neuen „Tannhäuser“ gestalten und wenige Wochen später sein Amt als Chef des NDR-Symphonieorchesters antreten. Bereits von 2010 an stillt er seine Opernlust bei Gérard Mortier in Madrid. Der Tradition und der Geschichte auf Bayreuths Grünem Hügel setzt er sich bewusst aus und greift beim „Tannhäuser“ zu jener Fassung, die Richard Wagner selbst in Dresden aufführte. „Sie ist allerdings nicht identisch mit der gedruckten Dresdner Fassung“, verrät Hengelbrock.

Obwohl der Dirigent früher als Geiger im Concentus Musicus des großen Nikolaus Harnoncourt spielte und selbst mit seinem Balthasar- Neumann-Chor und Ensemble wegweisende Interpretationen in der Alten Musik formte, mag er den Begriff historische Aufführungspraxis nicht. „Jede Note, zu der ich den Komponisten nicht mehr befragen kann, ist doch historisch.“

Deshalb bleibt seine Herangehensweise die gleiche, ob bei Bach, Wagner oder Bartók. „Alle Komponisten fordern mich heraus, mich in ihre Hirne und Seelen einzufinden. Neben der intellektuellen Auseinandersetzung mit ihrem Werk und ihrer Zeit muss ich meine ganze künstlerische Kraft und Fantasie darauf verwenden, in ihre Welten einzutauchen.“ Davon profitiert dann auch das renommierte Hamburger NDR-Symphonieorchester, mit dem Hengelbrock auch die neue Elbphilharmonie eröffnen wird.

Große Vorgänger wie Helmut Schmidt-Isserstädt, Günter Wand, Christoph Eschenbach oder derzeit Christoph von Dohnányi schrecken den 51-Jährigen nicht. Er freut sich auf die intensive Arbeit mit den Musikern: „Ich bin schon auch ein Former“, bekennt Hengelbrock, der die Orchesterphysiognomie deutlich herausarbeiten will. „Ich habe selbst unter vielen großen Dirigenten gespielt und ich glaube, dass ich ein Gespür dafür habe, was ein Orchester braucht und was Musiker nicht ertragen können. Autorität entsteht doch nur durch Kompetenz. Außerdem haben wir doch alle die Verpflichtung, uns in diesem Leben mit Respekt und Toleranz, und wo es geht mit Liebe zu begegnen.“ Momentan verschenkt er sie an die Münchner Musiker.

Gabriele Luster

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