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Thomas Hengelbrock über den Musikbetrieb: „Wir können nicht so weitermachen“

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Von: Markus Thiel

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Thomas Hengelbrock
„Covid bescherte uns einen Rückfall. Plötzlich geht es nur noch um Geld“, sagt Thomas Hengelbrock, der mit seinen Ensembles Gegenmaßnahmen ergreift. © Yannis Bournias

Er war immer ein Dissident. Doch der Dirigent Thomas Hengelbrock beschränkt sich nicht auf Kritik am Musikbetrieb, sondern trieb Veränderungen voran. Etwa mit dem von ihm gegründeten, privaten Balthasar-Neumann-Ensemble. Ein Vorbild für die satten, unbeweglichen, öffentlich finanzierten Supertanker. Hengelbrock hat Musizieren stets gesellschaftspolitisch begriffen – auch mit der Gründung einer kubanischen Jugendakademie. Die teils heftigen Auswirkungen der Pandemie nimmt er als Chance.

Wie sind Sie mit Ihren Ensembles über die vergangenen beiden Jahre gekommen?

Künstlerisch und menschlich sind wir erstaunlicherweise ganz hervorragend durch diese Krisenzeit gekommen. Balthasar-Neumann-Chor und -Orchester sind mein Lebensprojekt, und das ist es auch für viele Musikerinnen und Musiker, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In unseren Ensembles - das mag jetzt altmodisch klingen - arbeiten wir schon immer sehr wertebasiert: kompromisslos Musik machen in einem respektvollen Rahmen, in einem geschützten Raum. Das ist für uns alle etwas ganz Existenzielles. Als die Pandemie ausbrach, war uns allen, 90 Musikschaffenden und unserem Büroteam, klar: Wir wollen und müssen weiterspielen! Also haben wir zwischen der ersten und der letzten Lockdown-Phase über 20 Projekte realisiert – obwohl uns von den Veranstaltern fast alles abgesagt worden war. Wir haben ein Sicherheits- und Hygienekonzept entwickelt, welches das Singen und Spielen ohne Abstände und Masken erlaubt. Wir sind Monat für Monat in die Länder gereist, in denen wir mit unserem Konzept arbeiten konnten. Wir haben so intensiv geprobt wie nie zuvor, der Chor und das Orchester sind musikalisch, aber auch mental in hervorragender Form.

Ihre Musiker und Sänger kommen aus ganz Europa: Haben Sie finanzielle Hilfen bekommen?

Leider so gut wie keine. Zum Beispiel wurden alle unsere Anträge beim Bund im Rahmen des Programms „Exzellente Orchesterlandschaft“ ohne jegliche Begründung abgelehnt. Aber wir haben einige wenige, aber umso engagiertere Freunde und Mäzene, die uns geholfen haben, alle bei den Projekten voll zu bezahlen. Außerdem konnten wir einen privaten Fonds einrichten, aus dem jede Musikerin und jeder Musiker Geld abrufen konnte, falls das Auskommen während der Corona-Phase nicht gereicht hat.

Ihre kubanische Jugend-Akademie musste allerdings pausieren.

Ja, leider! Wir konnten ja nicht rüberfliegen, und die jungen Musikerinnen und Musiker durften nicht ausreisen. Nachdem wir in den letzten Jahren über 30 Projekte in Havanna, aber auch mit kubanischen Musikschaffenden in Europa durchführen konnten, war diese lange erzwungene Unterbrechung für uns alle sehr schmerzhaft. Aber jetzt läuft das Projekt wieder, auch wenn es administrativ und finanziell für uns eine Riesenaufgabe darstellt. Wir müssen dieses Projekt einfach weiterführen, weil es hier um viele große Talente geht, die ansonsten keine Perspektive hätten.

Warum gerade Kuba?

Vor neun Jahren habe ich ein Studentenorchester in Havanna dirigiert. Das war sehr bewegend für beide Seiten. Und schnell wurde klar: Das muss irgendwie weitergehen. Es gibt so viele außerordentlich Begabte dort, die hungrig nach guter Ausbildung sind, auch neugierig auf neue Sicht- und Spielweisen, auf den Austausch mit Europa, auf Neue Musik, auf Alte Musik. Und sie wissen, dass sie nur durch eine gute Ausbildung eine Chance als professionelle Musiker haben. Darum haben wir 2014 die Cuban-European Youth Academy gegründet. Die Dozenten des Balthasar-Neumann-Orchesters geben Meisterkurse und Kammermusikunterricht. Dazu veranstalten wir jährlich einen großen Orchester-Campus, der je zur Hälfte mit kubanischen und mit europäischen Studenten besetzt ist. Daraus ist auch menschlich eine starke Verbindung gewachsen. Unsere europäischen Stipendiaten wohnen auf Kuba bei den Familien, teilen eine Zeit lang das sehr einfache, oft entbehrungsreiche Leben, haben dort teilweise sogar Weihnachten verbracht. Sie erleben die unglaubliche Gastfreundschaft, diese Herzlichkeit, aber auch die große materielle Not, das stundenlange Anstehen für Nahrungsmittel und sogar Wasser. Das sind fundamentale Erfahrungen. Wenn man die gemacht hat, erscheint einem manchmal die Corona-Krise als leichte Übung.

Auch wenn es nach Klischee klingt: Erlebt und spielt man dadurch Musik anders?

Ja. Musik ist direkter Ausdruck einer Lebensfreude, die man sich noch bewahrt hat. Sie kann unglaubliche Freude bei aller Not bieten. Was wir Europäer dort gelernt haben: dass man mit sehr wenigen materiellen Dingen zufrieden sein und im Miteinander großes Glück erleben kann. Ich war in vielen Ländern der Welt, aber ich habe nie ein Land erlebt, in dem die Menschen so friedlich und herzlich miteinander umgehen – auch wenn sich das, bedingt durch die große Umbruchsituation dort, leider gerade ändert. Wir in Europa leben im Vergleich dazu auf einem unglaublich hohen materiellen Niveau und sind trotzdem oft unzufrieden, übelgelaunt und begegnen uns, nicht nur in den sozialen Netzwerken, respektlos und sogar hasserfüllt. Das alles, das Positive wie das Negative, spiegelt sich im gemeinsamen Musizieren. 

Musik ist dort also etwas mehr Existenzielles?

Ja, es geht auf Kuba mehr ums Existenzielle, nicht so sehr ums Ästhetische wie bei uns in Europa. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstand dort eine große wirtschaftliche Krise. Abgesehen von der existenziellen Bedrohung gab es, was den Kultursektor betrifft, fast keine neuen Noten mehr. Ich erlebe nun junge Musikerinnen und Musiker, die schlecht Noten lesen können, die aber eine Tschaikowsky-Symphonie nachspielen können, weil sie diese im Radio gehört haben – einfach phänomenal. Und wenn wir uns gemeinsam jetzt eine Beethoven- Symphonie vornehmen, können die kubanischen Musiker das in der zweiten Probe auswendig.

Was macht das alles mit Ihnen, mit Ihren Ensembles?

Es ist keine Einbahnstraße. Auch ich habe sehr viel für mein Leben gelernt, bin demütiger und dankbarer geworden. Wir alle lernen voneinander, nicht nur musikalisch. Bestimmte Fehlentwicklungen unseres Klassikbetriebes, denen ich schon früher skeptisch gegenüberstand, versuchen wir seither noch bewusster zu vermeiden. Es hat mich ja immer wieder an bestimmte Positionen in diesem Betrieb gespült, aber ein gewisses Unbehagen war und ist immer mit dabei. Bei den Balthasari versuchen wir gemeinsam einen geschützten Raum zu schaffen, in dem man sich der Liebe zur Musik ohne Ängste und Zwänge ganz vorbehaltlos hingeben kann. In dem man ausprobieren und experimentieren, einfach miteinander sein kann. In unseren Ensembles kommen total diverse Menschen zusammen, die auf diese Weise radikal Musik miteinander machen wollen.

Aber sind denn die etablierten Ensembles noch so wie zu der Zeit, als Sie dagegen opponierten? Oder hat sich durch die jüngere Generation etwas zum Positiven verändert?

Sogar viel. Ich habe zum Beispiel in Hamburg sehr positive Erfahrungen mit dem NDR-Orchester gemacht, das ein eher konservatives Ensemble war, was historische Spieltechniken betrifft. Da sagten etwa die Hornisten: „Naturhörner spielen? Never!“ Nach vier Jahren taten sie es trotzdem und spielten sogar auf Wiener Hörnern, und sie taten das sehr gut und mit Überzeugung. Auch die Streicher haben manche Programme mit Darmsaiten und Barockbögen gespielt. Doch habe ich als Gastdirigent in den letzten Jahren leider auch ein „Rollback“ erlebt, sobald Konflikte entstehen, geht das schnell zu Lasten der Musik. Vor kurzem kamen die Blechbläser eines großen Orchesters zu mir und sagten: „Wir würden das Programm mit ihnen gern mit Naturinstrumenten spielen. Aber da es keine Zulage gibt, spielen wir das jetzt auf den modernen“. Der Raum, den viele der großen Institutionen bieten, ist schlicht zu verengt und zu sehr aufs Materielle ausgerichtet. Vor diesem Hintergrund verursachte Covid einen ganz schrecklichen Rückfall. Plötzlich geht es nur noch um Geld und Besitzstandswahrung.

Dann müsste es Ihrem freien Ensemble ja noch schlechter gehen.

Wir haben als freie Ensembles nie über viele Mittel verfügt, da wir ja nur wenig öffentliche Unterstützung bekommen haben. Aber wir haben eine Handvoll treue Mäzene, die uns gerade in der Pandemie großzügig unterstützten. Wir haben versucht, unseren Musikern die finanziellen Ängste zu nehmen: Es soll am Geld nicht scheitern, es geht schließlich um euren Lebensinhalt. Aber es ist auch Realität: Die ständigen Finanzierungssorgen sind für uns schon eine Belastung. 

Sie hängen mit Privatgeld in Ihren Ensembles drin?

Ja sicher, das ist bis zu einem gewissen Punkt auch richtig so, denn ich habe diese Ensembles gegründet, sie sind mein künstlerischer Mittelpunkt. Aber es wäre sehr zu wünschen, dass sich diese enorme Unwucht im Klassikbetrieb mit teilweise völlig überzogenen Gagen für viele Dirigenten und Solisten einerseits und unzureichender Bezahlung für viele freie Künstler und Gruppen endlich ausbalanciert.

Wird denn die Pandemie die Wahrnehmung von Musik und das Konzertleben verändern?

Grundsätzliche Entwicklungen werden damit beschleunigt, hoffentlich nicht nur die zum Schlechteren. Wir alle stehen vor großen Herausforderungen, vielen Fragen. Müssen die Opernhäuser und Theater wirklich so viele Produktionen im Abo-System raushauen, weil es schon immer so war? Oder denken wir unser System grundsätzlich zeitgemäßer und lebendiger neu? Mit den Balthasari gehen wir unseren Weg der Partizipation sehr gradlinig und erfolgreich weiter: konsequenter Ausbau unserer Balthasar-Neumann-Akademie, keine Projekte mehr ohne Teilnahme von Schülern oder Studenten, viele Konzerte oder Konzertteile unter Mitwirkung von Nachwuchs-Chören oder Orchestern, dazu Konzerte oder begleitende Veranstaltungen in Schulen, Kliniken, Jugendpsychiatrien, Alzheimer-Zentren, Flüchtlingslagern etc. sowie die Vernetzung mit anderen jungen Organisationen. Das sind alles keine Alibi-Veranstaltungen sondern essenziell notwenige Aktivitäten, um uns kulturell und sozial in der Mitte der Gesellschaft zu verankern. Sollte der Musikmarkt dauerhaft übersättigt und ermattet sein, müssen wir eben andere Wege finden, das tiefe existentielle Bedürfnis vieler Menschen nach Musik und Kunst zu befriedigen. All dies scheint nun immer mehr Menschen bewusst zu werden. Jetzt brauchen wir dafür neue Denkweisen, Räume und Freiheiten.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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